Zeitungen im 19. Jahrhundert
Entwicklung zur Massenpresse: Zeitungen
Das 19. Jahrhundert sollte vor allem neue quantitative Dimensionen und Ausdifferenzierungen mit sich bringen. Es steht im Zeichen der „Entfesselung der Massenkommunikation“, um eine Periodisierung von Wilke (2000) wieder aufzunehmen. Mitunter wird auch vom „langen“ 19. Jahrhundert gesprochen, gemeint ist damit auch die Zeit bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914.
Technisch wurde diese „Entfesselung“ möglich, weil nach längerer Zeit wieder revolutionäre technologische Wandlungen auftraten: die Schnellpresse von König und Bauer, Verbesserungen der Satztechnik, Verbilligung des Papiers, Nachrichtenübermittlung über Morse bzw. Telegraf. (Schiewe 2004, S. 150)
Die Zeitungen wurden „dicker“. Der durchschnittliche Seitenumfang pro Jahr liegt 1845 bei 1000, 1914 sind es bereits 4100 Seiten (Nipperdey 1990, zit. in Blöbaum 1994, S. 199).
(…) Schätzungen zufolge wurden [1910 …] im […] Deutschen Reich täglich knapp 18 Millionen Zeitungsausgaben in Umlauf gebracht (Stoklossa 1913, S. 244). Bei rund 65 Millionen Einwohnern bedeutete dies eine mehr als dreimal so hohe Verbreitung der Tageszeitung als in der [österreichisch-ungarischen] Doppelmonarchie“. „1910 überschritt die Gesamtauflage der Tagespresse in beiden Teilen des [österreichisch-ungarischen] Reiches jeweils mehr oder minder deutlich die 2-Millionen-Grenze. In Österreich stieg die Leserdichte um mehr als 70 Prozent an, in Ungarn auf mehr als das Doppelte. Angesichts von weit über 28 Millionen Einwohnern in Österreich und über 20 Millionen Einwohnern in Ungarn war das erreichte Niveau aber immer noch bescheiden.
(Melischek/Seethaler in Karmasin/Oggolder 2016, S. 171f.)
Ausdifferenzierung der Inhalte: Beilagen und Vorformen der Ressorts
Der klassische Inhalt der Presse, also vor allem Politik, differenzierten sich zunehmend weiter aus, also aus Politik wurden Innen- und Außenpolitik usw. Damit reagierten die Medien auf wachsende Quantität und Komplexität von Wissen und Ereignissen sowie auf die fachlich-berufliche und soziale Differenzierung von Interessen und Publika. Zugleich bediente dies Marketingerfordernisse des Zeitungs- sowie Werbewesens und die journalistische Spezialisierung brachte Rationalisierungseffekte mit sich.
Was wir heute als journalistische Ressorts kennen, entwickelte sich zunächst aus gelegentlichen bis häufigen, aber noch nicht täglichen, themenspezifischen Beilagen der Zeitungen bzw. aus Vor- oder Übergangsformen einer Zusammenfassung nichtpolitischer Inhalte im „Feuilleton“, in „Vermischte Nachrichten“ oder A.
Bereits im 18. Jahrhundert finden sich (Vor-) Formen des Feuilletons.
[A]b 1762 – noch unregelmäßig, ab 1766 dann unter dem Titel Gelehrte Nachrichten als eigene Beilage –“ berichtet das Wienerische Diarium „Von inländischen gelehrten Sachen“, „wobei vor allem Buchbesprechungen Platz finden. Böhm (1953, S. 14) spricht in diesem Zusammenhang vom eigentlichen „Beginn des Feuilletons.
(Reisner/Schiemer in Karmasin/Oggolder 2016, S. 107)
Weitere wichtige „Wurzeln“ des Feuilletons neben wissenschaftlicher Literaturkritik sind allgemeine Literatur- sowie Theater- und Kunstkritik. Diese dienten zugleich als „Übungsfelder“ für einen späteren kritischen Politikjournalismus. (Requate 1995, S. 347ff.)
Unter „Vermischtes“ wurden beispielsweise im 19. Jahrhundert Meldungen über Verletzungen bei Unfällen mit Automobilen abgedruckt. (Blöbaum 1994, S. 206 und 214) Später existierten die Ressorts und Beilagen durchaus nebeneinander. „Die Spannweite der Beilagen ist groß. Sie reichen von >Briefkästen< mit ihren juristischen, steuerlichen, wirtschaftlichen, persönlichen, ja sehr intimen Einzelratschlägen bis zu den allgemeinen Beratungen in Gesundheitspflege und Kindererziehung“ sowie auf weiteren Gebieten. (Groth 1961, zit. in Blöbaum 1994, S. 213; Herv. T.L.)
Spätestens zu Anfang des 20. Jahrhunderts sind auch spezielle heilkundliche bzw. medizinische Beilagen in größeren Zeitungen zu finden. Cattani nennt 1913 die Hygienische Rundschau des Berliner „Tag“ oder die Medizinische und hygienische Zeit der Wiener „Zeit“ (Bäder/Cattani 1993, S. 18).
Ausdifferenzierung der Inhalte: Anzeigenteile bzw. -beilagen mit auch unseriösen Praktiken
In den nichtjournalistischen Anzeigenteilen bzw. -beilagen von Zeitungen finden sich u. a. „Arzneimittelwerbung“ und der „beginnende[n] Kurbetrieb sowie steigendes Hygienebewusstsein (Putzmittel, Heilmittel)“ widergespiegelt. (Blöbaum 1994, S. 217) In den Fachblättern – siehe auch weiter hinten – dominierten bis zu den 90er Jahren des [19.] Jahrhunderts die Bäder- und Mineralwasseranzeigen bei weitem, erst dann mehrten sich die Pharmaanzeigen“. „Die Unseriosität, ja ‚Schamlosigkeit‘ mancher Inserate, insbesondere von Kurpfuscheranzeigen, wurde schon frühzeitig kritisiert (z. B. H.-E. Richter, 1874).“ (VMWJ 1994).
Die Einführung der Gewerbefreiheit 1868/69 brachte dem Werbewesen einen Schub, wenn auch mit der Wirtschaftskrise von 1873 das Anzeigenvolumen zunächst wieder zeitweise zurückging. Allerdings vertiefte die Krise nach den „Gründerjahren“ die Erkenntnis, dass die Unternehmen ihre Philosophie von der reinen Produktorientierung auf aktive Verkaufsorientierung umstellen müssen. Dies führte zu einer generellen Aufwertung der Anzeigen- und sonstigen Werbung, Verkaufsförderung und Unternehmensdarstellung. (Reinhardt 1993, S. 24)
Die zunehmende Bedeutung des Anzeigenwesens auch für die Finanzierung der Presse führte spätestens im 19. Jahrhundert zur Gefahr der Abhängigkeit und Erpressbarkeit der Zeitungen und Zeitschriften durch mächtige Interessengruppen und Unternehmen. Diese latente Gefahr wurde insbesondere auch im Ernährungs- bzw. Gesundheitsbereich und dann zur Realität, wenn durch wohlmeinende Gesundheitsratschläge – beispielsweise aufgrund neuer Erkenntnisse oder sozialer Initiativen (z.B. der Abstinenzbewegung) – der Absatz ganzer Warengruppen gefährdet wurde oder zumindest bedroht schien. „Die Beeinflussung vieler Blätter in der Alkoholfrage durch das Alkoholkapital ist dafür das schlagenste Beispiel.“
Allerdings kamen die unmoralischen Angebote auch von der Medienseite selbst.
Das finanzielle Interesse allein bietet […] die Erklärung dafür, warum gelegentlich Anpreisungen bestimmter Medikamente und Präparate unter dem Mantel einer kleinen wissenschaftlichen Abhandlung mitten im redaktionellen Texte zu treffen sind.
(Bäder/Cattani 1993, S. 13).
Neben offensichtlich unseriösen schleichwerberischen oder finanziellen Praktiken auf beiden Seiten zeigt sich aber auch die historische Nähe zur zunehmenden und kämpferischen Organisierung der Interessen, zu strategisch-kampagnenhaften inhaltlichen Beeinflussungs- und Manipulationsversuchen sowie zu Wurzeln einer seriösen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Cattani schreibt 1913 sowohl davon, dass „[v]on Jahr zu Jahr die Stoßkraft der Abstinenztruppen zugenommen“ habe als auch davon, dass „Brauer, Brenner und Wirte […] ‚Schutzverbände‘“ gegründet hätten. Letztere hatten aber wohl mehr Erfolg, denn ein Merkmal der seinerzeitigen Presse sei die „Kritiklosigkeit, mit der sie alkoholfreundlichen Märchen und Fälschungen Raum gewährt“, gewesen. Begleitet oder erzwungen wurde das wiederum von auch unseriösen Praktiken:
Im Jahre 1905 hat der ‚Sächsische Gastwirteverband‘ die gesamte sächsische Presse direkt ersucht, im Interesse der Hauptinserenten der politischen Presse Artikeln zu Gunsten der Abstinenz den Abdruck zu versagen und gleichzeitig um Abdruck seiner eigenen Artikel zur Alkoholfrage ersucht. Der größte Teil der sächsischen Presse hat sich damals gefügt, bis die ‚Leipziger Volkszeitung‘ im Oktober die Angelegenheit an die Öffentlichkeit brachte.
(Bäder/Cattani 1993, S. 24 und 27)
Parteiliche Zeitungen und unparteiliche Generalanzeiger
Als zentrale Tendenzen des Zeitungswesens, die aus dem 18. ins 19. Jahrhundert führten, lassen sich Politisierung und Parteinahme festhalten. Ein (…)
(…) großer Teil der Journalisten brachte seine Gesinnung seit Ende der fünfziger Jahre (des 19. Jahrhunderts) vor allem dadurch zum Ausdruck, dass er sich zu einer der entstehenden Parteien bekannte“. Grundsätzlich entsprach dies dem „Druck des Publikums.
(Requate 1995, S. 267ff.)
Mit dem parallelen Aufbau von Parteistrukturen „trennten sich“ allerdings wieder die vorher angenäherten „Berufswege von Politikern und Journalisten“ (Funkkolleg 1990, Studienbrief 8, S. 57).
Die „einzige bedeutende deutschsprachige Zeitung des 19. Jahrhunderts [, die] fast über den gesamten Zeitraum ihres Bestehens mehr oder weniger explizit an einem ‚Unparteilichkeitsanspruch‘, so vage dieser auch sein mochte, festhielt“, war die Cottasche Allgemeine Zeitung (Requate 1995, S. 271).
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vollzogen sich allerdings noch strukturelle Wandlungen und Neuerungen in der Presse. Neben der für Deutschland typischen weltanschaulich gegliederten bzw. Partei-Presse „– und teilweise auch in bewusster Absetzung gegen sie – entstanden […] ab ca. 1880 Generalanzeiger, die als ‚Prototypen der neuen Massenpresse‘ (Stöber 2000, S. 232) gelten können. Sie finanzierten sich teilweise (aber noch grundsätzlicher als die übrige Presse – Einschub T.L.) über Anzeigen, so dass sie billiger verkauft werden konnten.“ (Schiewe 2004, S. 151)
Medizinthemen – vor allem auch als Ratgeber und Lebensberatung für ein Massenpublikum – hatten in den thematisch universellen und serviceorientierten Generalanzeigern eine deutlich größere Publikationschance als in der auf Politik, Ideologie und Polemik fokussierten Parteipresse.
Verteilung der Inhalte und endgültige Herausbildung der Ressorts
Medizinische Inhalte – vor allem auch zur „Popularisierung der (medizinischen) Wissenschaft“ – waren unübersehbar in der allgemeinen Presse vertreten. Aber auch die gesundheitspolitische Seite wurde stärker akzentuiert. Zugleich macht das folgende Zitat deutlich, dass die journalistische Berichterstattung ein komplexes Ergebnis unter wesentlicher Mitarbeit von PR-Aktivitäten aus Medizin, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und wohl auch aus beginnendem Verbraucherschutz darstellt:
Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Hygiene (…), namentlich in der Bakteriologie“ führten zu „bestimmten Forderungen an die öffentliche Gesundheitspflege“. „In den Tageszeitungen erschienen ständig Berichte, wie etwa in der ‚Kölnischen Volkszeitung‘ (unter der Rubrik ‚Mitteilungen des Gesundheitsamtes‘) über Seuchenverhütung, sachgemäße Behandlung der Lebensmittel, Schnapsbrennen und Ähnliches. Die Ärzteschaft benützte die Zeitungen als Mittel zur hygienischen Volksaufklärung[…]. Damit wird die Zeitung zum publizistischen Wirkmittel als Bestandteil des Zeitgesprächs.
(Bäder/Cattani 1993, S. 111)
Wie ordnet sich die Gesundheitsberichterstattung in den gesamten Themenkosmos der Presse ein? „Es liegen nur wenige Zahlen aus quantitativen Inhaltsanalysen vor, die verdeutlichen, wie sich der Stoff auf die einzelnen Ressorts verteilt“ (Blöbaum 1994, S. 206). Zudem ist die heutige Forschungslage – wie schon für die frühe Presse – so beschaffen, dass in Inhaltsanalysen häufig Medizin nicht gesondert ausgewiesen wird.
Der Berliner Lokal-Anzeiger, ein Vertreter der modernen Generalanzeigerpresse, und – zum Vergleich in Klammern – die Vossische Zeitung, eine liberale Zeitung älteren Typs, kamen im Jahrgang 1884/85 auf folgende Spartenverteilung:
- Lokales: 22,10 Prozent (3,52 Prozent),
- Politik: 6,82 Prozent (17,03 Prozent),
- Handel: nicht vergleichbar (17,97 Prozent),
- Gerichtsberichte: 4,07 Prozent (1,33 Prozent),
- Unterhaltung (Feuilleton): 9,00 Prozent (5,72 Prozent),
- Fortsetzungsroman: 21,86 Prozent (nicht vergleichbar),
- Briefkasten: 3,43 Prozent (nicht vergleichbar),
- Anzeigen: 31,60 Prozent (43,30 Prozent). (Bollinger 1996, S. 38)
Eine Inhaltsanalyse von 30 Zeitungen des Jahres 1903 ergab folgende Anteile einzelner Ressorts in Prozent: Wirtschaft 32,6; Politik 22,3; Feuilleton 21,7; Justiz und Skandale 7,3; Lokales 6,9; Sport 4; Leitartikel 4. (Nipperdey 1990, zit. in Blöbaum 1994, S. 207) Medizinische Informationen sind am ehesten in den Sparten bzw. Ressorts Feuilleton und Lokales zu vermuten. Was das Feuilleton betrifft, mag dies auch durch das zunehmende Interesse von Literatur und Kunst (Descoust, Brieux, Shaw …) an medizinischen Fragen bedingt sein (Bäder/Cattani 1993, S. 9).
Dass im Lokaljournalismus medizinische Themen eine Rolle spielen, lässt sich auch durch Quellen stützen. Wichtige Themen der Lokalteile sind – mit Abstand nach den (…)
(…) Sitzungen der Stadtverordneten“ – „öffentliche Gesundheitspflege, Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Errichtung städtischer Krankenhäuser, Seuchenverhütung und -bekämpfung, Reform des Markt- und Schlachtwesens, Bau von Turn- und Schwimmhallen, Errichtung von Grünanlagen und Friedhöfen
(Jonscher 1991, zitiert nach Blöbaum 1994, S. 212).
Zu einem eigenen Hauptressort reichte es für die Medizin bzw. Gesundheitsfragen jedenfalls nicht. Auch „Wissenschaft“ gelang seinerzeit nicht der „Sprung zu einem eigenständigen Ressort“ (Blöbaum 1994, S. 211). „Beim Wissenschaftsjournalismus handelt es sich um ein relativ junges journalistisches Ressort, das sich erst während des 20. Jahrhunderts durchsetzte“ (DFJV 2024).
Vielmehr verfestigten sich im 19. Jahrhundert und danach die schon früher herausbildenden „klassischen Ressorts“ Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Sport und Lokales mit der Tendenz „mehr Unterhaltung und weniger Politik“. Dass es zum Beispiel der „Sport“ – im Unterschied zu Wissenschaft oder Medizin – zum eigenen Ressort schaffte, wird u. a. wie folgt begründet: Die (…)
(…) Ereignishaftigkeit unterscheidet Sport von der Prozesshaftigkeit in Bereichen wie Wissenschaft oder Erziehung. Sportergebnisse lassen sich meist präzise angeben in Gramm, Meter oder Minuten bzw. Toren und Punkten. Dies kommt dem Verarbeitungsprogramm von Journalismus entgegen. Mit dem ständig Neuigkeiten verarbeitet werden.
(Blöbaum 1994, S. 211)
Funktionale Ausdifferenzierung und generelle Medialisierung
Die funktionale Ausdifferenzierung der medialen Berichterstattung in bestimmte „Themenwelten“ oder fachjournalistische Ressorts konnte die zunehmende Komplexität der gesellschaftlichen und individuellen Realitäten darstellbar und kommunizierbar halten. Dieselbe Komplexität war allerdings zunehmend auch durch Inhalte bzw. Probleme gekennzeichnet, die sich aufgrund ihrer existenziellen Auswirkungen einer Zuteilung zu bestimmten kommunikativ-medialen Sparten entzogen, sondern quasi undifferenziert auf alle und jede Kommunikation durchschlugen.
Abb.: Titelseite der Wiener Zeitung vom 31. Januar 1889 mit der Bekanntmachung von Rudolfs Tod als „Herzschlag“. Quelle: Schautafel am Besucherzentrum Mayerling (Stand 2025). Foto: Tobias Liebert.
Abb.: Der chronologische Ablauf der „Tragödie“ am 30. Januar 1889. Quelle: Schautafel im Besucherzentrum/Museum Mayerling (Stand 2025). Foto: T.L. Zum Vergrößern bitte anklicken.
Wie auch schon früher betraf dies gesundheitlich-medizinische Informationen zu einzelnen Ereignissen bzw. Vorgängen, wenn diese oder die handelnden bzw. betroffenen Personen von eminent politischer bzw. gesamtgesellschaftlicher Bedeutung waren. Krankheiten oder gar der dadurch hervorgerufene Tod von Fürsten und Königen waren immer schon anlassbezogene medizinische Themen, die es auf Seite 1 der periodischen Presse schaffen konnten. Der steigende Preis von Macht bzw. politischer Erfolge und Misserfolge, wachsendes mediales Informationsangebot und zunehmendes öffentliches Interesse erhöhten auch die Ansprüche an bzw. Aufwände für herrschaftsrelevante medizinische Informationen bzw. (je nach informationspolitischer Strategie auch:) Desinformationen.
Abb.: Vertuschung des Vorfalles und Desinformation finden Eingang in die damaligen aktuellen Medien. Quelle: Schautafel im Besucherzentrum/Museum Mayerling. Foto: T.L.
Abb.: Mögliche medizinische u.a. Gründe für Rudolfs Selbstmord. Quelle: Schautafel im Besucherzentrum/Museum Mayerling (2025). Foto: T.L. Zum Vergrößern bitte anklicken.
Abb.: Besucherzentrum (links) und ehem. Jagdschloss / heute Museum (rechts) in Mayerling (2025). Foto: Tobias Liebert.
Ein Beispiel dafür ist der Tod – ein erweiterter Suizid – des österreichischen Kronprinzen Rudolf (und seiner Geliebten) im Januar 1889 in Mayerling im Wienerwald und die seinerzeitige offizielle sowie mediale Darstellung seiner (auch medizinischen) Ursachen und Umstände bzw. der Ablauf von Beeinflussung und Steuerung dieser Darstellungen. Diese waren so komplex und widersprüchlich, dass das Geschehen im einstigen Jagdschloss des Kronprinzen nie völlig eindeutig geklärt werden konnte und später auch in fiktionalen Medienformaten verarbeitet wurde. Heute befindet sich dort ein auch presse- und propagandahistorisch interessantes Museum (Besucherzentrum seit 2014; https://www.karmel-mayerling.org ).
Abgesehen von einzelnen Schlüsselereignissen führte die eingangs aufgerufene Komplexität vor allem zur kompletten Medialisierung (oder wie manche sagen: Mediatisierung) einer gesellschaftlichen Herausforderung, also die Anerkenntnis und Ausnutzung der Tatsache, dass die Erkenntnis, Darstellung und Lösung eines zentralen Problems nur mit und in bzw. durch publizistische(n) Medien möglich ist.
Ein solches Mega-Problem war in jüngster Vergangenheit die Corona-Pandemie. In unserer historischen Abhandlung stellt am Ende unserer zunächst zweiteiligen Abhandlung die Bewältigung der Folgen des Ersten Weltkriegs die zentrale Herausforderung dar. Abgesehen von den vielen Kriegsversehrten und der Hungergefahr bildete für die damaligen Zeitgenossen – zunächst noch in Unkenntnis des Kriegsausgangs – die begleitende Grippepandemie das zentrale Gesundheitsthema dar.
Während der Spanischen Grippe (1918ff.) spielte die massenmediale Öffentlichkeit bei der Informationsvermittlung insbesondere in Form von Zeitungen eine noch größere Rolle. Hierbei kursierten zunächst gegenteilige Mitteilungen, die entweder über eine rätselhafte Erkrankung spekulierten oder die Spanische Grippe als Influenza erklärten; später – aber immer noch in der Anfangsphase der Pandemie 1918 – hielten sich die der Zensur unterliegenden Zeitungen unisono an die Vorgaben des Reichsgesundheitsrats, von einer vergleichsweise harmlosen Influenza zu berichten, um Beunruhigung in der Bevölkerung zu vermeiden (Michels, 2010), bevor schließlich die Realität der vielen Toten auch die in den Zeitungen vorherrschenden Verharmlosungen verdrängten.
(Reifegerste/Wagner 2021, S. 8; in Reifegerste/Sammer)




