Zeitungen im 19. Jahrhundert
Entwicklung zur Massenpresse: Zeitungen
Überblick
Das 19. Jahrhundert sollte vor allem neue quantitative Dimensionen und Ausdifferenzierungen mit sich bringen. Es steht im Zeichen der „Entfesselung der Massenkommunikation“, um eine Periodisierung von Wilke (2000) wieder aufzunehmen. Mitunter wird auch vom „langen“ 19. Jahrhundert gesprochen, gemeint ist damit auch die Zeit bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914.
Technisch wurde diese „Entfesselung“ möglich, weil nach längerer Zeit wieder revolutionäre technologische Wandlungen auftraten: die Schnellpresse von König und Bauer, Verbesserungen der Satztechnik, Verbilligung des Papiers, Nachrichtenübermittlung über Morse bzw. Telegraf. (Schiewe 2004, S. 150)
Die Zeitungen wurden „dicker“. Der durchschnittliche Seitenumfang pro Jahr liegt 1845 bei 1000, 1914 sind es bereits 4100 Seiten (Nipperdey 1990, zit. in Blöbaum 1994, S. 199).
(…) Schätzungen zufolge wurden [1910 …] im […] Deutschen Reich täglich knapp 18 Millionen Zeitungsausgaben in Umlauf gebracht (Stoklossa 1913, S. 244). Bei rund 65 Millionen Einwohnern bedeutete dies eine mehr als dreimal so hohe Verbreitung der Tageszeitung als in der [österreichisch-ungarischen] Doppelmonarchie“. „1910 überschritt die Gesamtauflage der Tagespresse in beiden Teilen des [österreichisch-ungarischen] Reiches jeweils mehr oder minder deutlich die 2-Millionen-Grenze. In Österreich stieg die Leserdichte um mehr als 70 Prozent an, in Ungarn auf mehr als das Doppelte. Angesichts von weit über 28 Millionen Einwohnern in Österreich und über 20 Millionen Einwohnern in Ungarn war das erreichte Niveau aber immer noch bescheiden.
(Melischek/Seethaler in Karmasin/Oggolder 2016, S. 171f.)
Beispiel eines preußischen Kreisblattes
Die zahlenmäßige Ausbreitung und die Differenzierung des Pressesystems im Laufe des 19. Jahrhunderts führten zu Anpassungen und Veränderungen in Erscheinungsfrequenz, Umfang und Format sowie Optik (Spaltenzahl, Aufmachung etc.) der Zeitungen. Insbesondere bei kleineren Zeitungen vom Lande bzw. aus Provinzstädten verwundert es nicht, wenn sie in der ersten Hälfte oder Mitte des 19. Jahrhunderts noch anders aussahen als an dessem Ende oder gar am Anfang des 20. Jahrhunderts. Das von uns durchgesehene „Naumburger Kreisblatt“, eine Zeitung aus der preußischen Provinz Sachsen (heute Sachsen-Anhalt), erschien in der Domstadt Naumburg an der Saale zunächst als Wochenblatt seit 1821. Ab 1879 kam es zur täglichen Erscheinungsweise und den Untertitel „Tageblatt“. 1912 änderte sich der Titel gänzlich in Naumburger Tageblatt.
Als preußisches Kreisblatt war es zugleich Bekanntmachungsorgan der Behörden. Die erste Abbildung hier links dokumentiert eine Titelseite von 1831 mit einer amtlichen Verordnung zur Gesundheitskontrolle von zur Herbstmesse nach Naumburg anreisenden Händler und Besucher. Naumburg war eine traditionsreiche Messestadt (Petri-Pauli-Messe) und konnte sich in dieser Rolle seinerzeit noch einigermaßen gegenüber Leipzig oder Frankfurt behaupten. Die damalige Cholera-Krankheit machte die Prüfung der erforderlichen Gesundheitsatteste offensichtlich notwendig. Die behördlichen Bekanntmachungen standen stets am Anfang der Zeitung (hier einspaltig).
Die Abbildung hier rechts zeigt eine Ausgabe von 1850, also noch aus der Zeit vor der eigentlichen „Massen“-Presse. Die offiziellen Verlautbarungen wurden – wie wir bereits wissen – stets am Anfang der Zeitung (hier einspaltig) publiziert, vor dem journalistisch-redaktionellen Teil (hier zweispaltig). Das hier abgebildete Beispiel von 1850 – damals erschien das Blatt zweimal in der Woche – beginnt den Redaktionsteil mit einem Beitrag über Wicherns „Rauhes Haus“ in Hamburg – eine christlich-evangelische Anstalt zur (auch gesundheitlichen) Betreuung von armen bzw. elternlosen Kindern. Behandelt wird vor allem dessen Publikationstätigkeit (!), insbesondere die „fliegenden Blätter“, eine frühe Form einer Organisations- und Imagezeitschrift. Der Beitrag im Naumburger Kreisblatt läuft auf eine zweite Seite um, die hier nicht abgebildet ist. Über Johann Hinrich Wichern (1808-1881), einen „Pionier kirchlicher Presse- und Öffentlichkeitsarbeit“, hält das Online-PR-Museum einen eigenen Beitrag bereit.
Schon in den 1860er-Jahren konnte es vorkommen, dass in der Naumburger Kreiszeitung das Aufkommen allein an gesundheitsrelevanten Werbeanzeigen so groß war, dass man damit eine ganze Zeitungsseite füllen konnte. Dies kommt aber auch dadurch, dass solche „medizinischen“ Inserate häufig sehr textlastig waren (wir kommen darauf noch einmal zurück) und entsprechenden Raum brauchten.
Die nächste große Abbildung zeigt eine Titelseite aus dem Jahr 1892. Dem hier kurzen amtlichen Bekanntmachungsteil (zweispaltig) folgt direkt der kommerzielle Anzeigenteil (dreispaltig). Die Seite ist hier in unserer Abbildung nach unten abgeschnitten, weil dort keine weiteren gesundheitsrelevanten Inhalte stehen.
Amtlicher Teil und Geschäftsanzeigenteil sind für das Thema unserer Abhandlung interessant. Beide behördlichen Texte betreffen Seuchen, links unter Tieren (Maul- und Klauenseuche) und rechts unter Menschen. Dass (rechts) eine Leipziger Messe (hier wegen Choleragefahr) ganz abgesagt wurde, kam in der Geschichte ganz selten vor. In der Mitte des kommerziellen Teils ist eine Anzeige zu sehen, die „Gesundheitskorsetts“ und ähnliche gesundheitsfördernde Kleidungsutensilien anpreist.
Nachrichten- sowie Anzeigenaufkommen nahmen immer mehr zu. Gelegentlich werden sogar „Extrablätter“, also ein einzelnes Zeitungsblatt mit aktuellen „Sensationsmeldungen“, herausgegeben. Das hier abgebildete Beispiel aus den 1890er-Jahren des damals wohlgemerkt schon wochentäglich erscheinenden Kreisblattes enthält zwei Meldungen mit gesundheitsrelevanten Inhalten: a) Ein Eisenbahnunglück. Die „Eisenbahn“ (und Eisenbahnunfälle!) war generell im 19. Jahrhundert ein Megathema der Presse, so etwa wie heute Internet, Soziale Medien und Künstliche Intelligenz. b) Seuchentote in der Region (Cholera, noch 1893!). Vor allem diese Meldung sollte wohl einen warnenden Effekt auslösen und duldete keinen Aufschub bis zum nächsten Tag.
Ausdifferenzierung der Inhalte: Beilagen und Vorformen der Ressorts
Der klassische Inhalt der Presse, also vor allem Politik, differenzierten sich zunehmend weiter aus, also aus Politik wurden Innen- und Außenpolitik usw. Damit reagierten die Medien auf wachsende Quantität und Komplexität von Wissen und Ereignissen sowie auf die fachlich-berufliche und soziale Differenzierung von Interessen und Publika. Zugleich bediente dies Marketingerfordernisse des Zeitungs- sowie Werbewesens und die journalistische Spezialisierung brachte Rationalisierungseffekte mit sich.
Was wir heute als journalistische Ressorts kennen, entwickelte sich zunächst aus gelegentlichen bis häufigen, aber noch nicht täglichen, themenspezifischen Beilagen der Zeitungen bzw. aus Vor- oder Übergangsformen einer Zusammenfassung nichtpolitischer Inhalte im „Feuilleton“, in „Vermischte Nachrichten“ oder A.
Bereits im 18. Jahrhundert finden sich (Vor-) Formen des Feuilletons.
[A]b 1762 – noch unregelmäßig, ab 1766 dann unter dem Titel Gelehrte Nachrichten als eigene Beilage –“ berichtet das Wienerische Diarium „Von inländischen gelehrten Sachen“, „wobei vor allem Buchbesprechungen Platz finden. Böhm (1953, S. 14) spricht in diesem Zusammenhang vom eigentlichen „Beginn des Feuilletons.
(Reisner/Schiemer in Karmasin/Oggolder 2016, S. 107)
Weitere wichtige „Wurzeln“ des Feuilletons neben wissenschaftlicher Literaturkritik sind allgemeine Literatur- sowie Theater- und Kunstkritik. Diese dienten zugleich als „Übungsfelder“ für einen späteren kritischen Politikjournalismus. (Requate 1995, S. 347ff.)
Unter „Vermischtes“ wurden beispielsweise im 19. Jahrhundert Meldungen über Verletzungen bei Unfällen mit Automobilen abgedruckt. (Blöbaum 1994, S. 206 und 214) Später existierten die Ressorts und Beilagen durchaus nebeneinander. „Die Spannweite der Beilagen ist groß. Sie reichen von >Briefkästen< mit ihren juristischen, steuerlichen, wirtschaftlichen, persönlichen, ja sehr intimen Einzelratschlägen bis zu den allgemeinen Beratungen in Gesundheitspflege und Kindererziehung“ sowie auf weiteren Gebieten. (Groth 1961, zit. in Blöbaum 1994, S. 213; Herv. T.L.)
Spätestens zu Anfang des 20. Jahrhunderts sind auch spezielle heilkundliche bzw. medizinische Beilagen in größeren Zeitungen zu finden. Cattani nennt 1913 die Hygienische Rundschau des Berliner „Tag“ oder die Medizinische und hygienische Zeit der Wiener „Zeit“ (Bäder/Cattani 1993, S. 18).
Ist die Zahl der Ärzte zu groß oder zu klein? Diese Frage wurde auch schon damals in der Presse diskutiert und unterschiedlich beantwortet. Quelle: Naumburger Tageblatt 25.10.1908. Zum Vergrößern bitte anklicken.
In kleineren Zeitungen ist es aber noch Anfang des 20. Jahrhunderts durchaus üblich, seriöse Nachrichten aus Medizin, Gesundheitswesen und -politik unter „Vermischtes“ zu bringen. Die hier abgebildeten Beispiele stammen aus einem preußischen Kreisblatt im heutigen südlichen Sachsen-Anhalt. Freistehende Überschriften gibt es damals – insbesondere in nachrangigen Rubriken – noch kaum. Die einzelnen Nachrichten werden vielmehr in der Spalte fortlaufend gesetzt. Die Tageszeitung aus Naumburg an der Saale hat beispielsweise auf der betreffenden Seite, auf der der Beitrag über die Anzahl der Ärzte steht, drei Spalten, die durch Trennlinien gegliedert sind. Vor den Nachrichten, die unter der Überschrift Vermischtes gefasst werden, stehen beispielsweise auf dieser Seite Nachrichten, die unter der Überschrift Heer und Flotte rubriziert werden. Letzteres zeigt, dass bei politisch und militärisch als zentral wichtig angesehenen Inhalten die Rubrizierung hier schon feiner, differenzierter ausfiel als bei den nachrangigeren „vermischten“ Inhalten.
Das nächste Beispiel stammt auch aus der Rubrik „Vermischtes“. Die Seite ist ebenfalls dreispaltig. Auf der Seite kommen neben Vermischtes noch Rubrikenbezeichnungen wie Provinz und Nachbarstaaten, Standesamtliche Nachrichten oder Theater vor. Dies zeigt, dass abhängig vom thematischen Nachrichtenaufkommen auch das Vermischte weiter aufgegliedert sein konnte.
In der ersten Zeile jeder Nachricht werden – häufig nach Orts- und Datumsangabe (hier aus dem schweizerischen Davos mit seiner deutschen Tuberkuloseheilstätte) – einige (Stich-) Wörter durch Fett- oder g e s p e r r t e n Druck (gesperrter Satz bedeutet die Vergrößerung der Abstände – durch Einfügen von Spatien – zwischen den einzelnen Buchstaben) hervorgehoben.
Ausdifferenzierung der Inhalte: Anzeigenteile bzw. -beilagen mit auch unseriösen Praktiken
Prinzipiell war spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts die (auch formal erkennbare) Trennung des Zeitungsinhalts in einen journalistisch-redaktionellen und einen bezahlten Werbe- bzw. Anzeigenteil – ähnlich wie heute – üblich und mediale Norm.
Werbeanzeigen in den Zeitungen
In den nichtjournalistischen Anzeigenteilen bzw. -beilagen von Zeitungen finden sich u. a. „Arzneimittelwerbung“ und der „beginnende[n] Kurbetrieb sowie steigendes Hygienebewusstsein (Putzmittel, Heilmittel)“ widergespiegelt. (Blöbaum 1994, S. 217) In den Fachblättern – siehe auch weiter hinten – dominierten bis zu den 90er Jahren des [19.] Jahrhunderts die Bäder- und Mineralwasseranzeigen bei weitem, erst dann mehrten sich die Pharmaanzeigen“. „Die Unseriosität, ja ‚Schamlosigkeit‘ mancher Inserate, insbesondere von Kurpfuscheranzeigen, wurde schon frühzeitig kritisiert (z. B. H.-E. Richter, 1874).“ (VMWJ 1994).
Beispiel für ein Inserat eines „Chemischen Laboratoriums“ mit Versandapotheke unter Behauptung einer wissenschaftlichen Grundlage und vieler Wirkungsbekundungen. Quelle: Naumburger Tageblatt 11.03.1909.
Der meist umfangreiche Anzeigenteil in den Zeitungen enthielt in der Regel auch mehrere Inserate von Apotheken, Drogerien oder Herstellern von Salben, Säften, Bonbons oder ähnlichen Produkten, die heilende Wirkungen versprachen. Dabei wurde u.a. auf Patente, ärztliche Verwendung u.Ä. verwiesen. Quelle: Naumburger Tageblatt 09.10.1906.
Die Einführung der Gewerbefreiheit 1868/69 brachte dem Werbewesen einen Schub, wenn auch mit der Wirtschaftskrise von 1873 das Anzeigenvolumen zunächst wieder zeitweise zurückging. Allerdings vertiefte die Krise nach den „Gründerjahren“ die Erkenntnis, dass die Unternehmen ihre Philosophie von der reinen Produktorientierung auf aktive Verkaufsorientierung umstellen müssen. Dies führte zu einer generellen Aufwertung der Anzeigen- und sonstigen Werbung, Verkaufsförderung und Unternehmensdarstellung. (Reinhardt 1993, S. 24)
Gesundheitsrelevante Anzeigen oft sehr textreich
Anzeige anlässlich der Petri-Pauli-Messe in Naumburg. Quelle: Naumburger Kreisblatt 05.06.1850. Zum Vergrößern bitte anklicken.
Dass Anzeigen in den damaligen Zeitungen viel Text und verglichen mit heute weniger Bildmotive und grafische Elemente sowie keine Farbe enthalten, hängt mit dem Entwicklungsstand von Illustrationstechnik, Fotografie, Layoutgestaltung und Drucktechnik zusammen (https://www.planet-wissen.de/kultur/medien/geschichte_der_fotografie/pwiegeschichtedesfotojournalismus100.html ).
Zwar erschien die Illustri[e]rte Zeitung aus Leipzig schon seit 1843 und „veröffentlichte 1883 das erste gedruckte Foto“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Illustrirte_Zeitung ). Und 1894 startete im Ullstein-Verlag die Berliner Illustri[e]rte Zeitung (https://www.axelspringer-syndication.de/artikel/die-erfindung-der-pressefotografie ).
Eine massenhafte und flächendeckende Verwendung von Fotos im Zeitungswesen erfolgte aber erst im 20. Jahrhundert und insbesondere ab den 1920er-Jahren. Kleinere Zeitungen – wie zum Beispiel die aus Naumburg (Saale) – hatten zudem geringere Ressourcen und Möglichkeiten der fotografisch-visuellen Ausformung als haupt- oder großstädtische Blätter.
Während der Durchsicht des Naumburger Blattes gewannen wir den – nicht statistisch-empirisch belegten – Eindruck, dass gesundheitsrelevante Anzeigen – mehr als andere – einen besonders hohen Textanteil (insbesondere auch ausformulierter und nicht nur schlagwortartiger Text) aufweisen. Einige Beispiele sind hier dokumentiert.
Häufig adressieren die Anzeigen an die „Leidenden“. Ihnen wird in der Anzeige mit vergleichsweise hohem textlichen Erklär- und Argumentationsaufwand die Lösung für das „Leidens“-problem präsentiert. Dabei werden in der Regel tatsächliche oder vermeintliche Belege für die Wirksamkeit des Heilmittels angeführt.
Indizien für teilweise Intransparenz und unseriöse Praktiken
Die zunehmende Bedeutung des Anzeigenwesens auch für die Finanzierung der Presse führte spätestens im 19. Jahrhundert zur Gefahr der Abhängigkeit und Erpressbarkeit der Zeitungen und Zeitschriften durch mächtige Interessengruppen und Unternehmen. Diese latente Gefahr wurde insbesondere auch im Ernährungs- bzw. Gesundheitsbereich und dann zur Realität, wenn durch wohlmeinende Gesundheitsratschläge – beispielsweise aufgrund neuer Erkenntnisse oder sozialer Initiativen (z.B. der Abstinenzbewegung) – der Absatz ganzer Warengruppen gefährdet wurde oder zumindest bedroht schien. „Die Beeinflussung vieler Blätter in der Alkoholfrage durch das Alkoholkapital ist dafür das schlagenste Beispiel.“
Allerdings kamen die unmoralischen Angebote auch von der Medienseite selbst.
Das finanzielle Interesse allein bietet […] die Erklärung dafür, warum gelegentlich Anpreisungen bestimmter Medikamente und Präparate unter dem Mantel einer kleinen wissenschaftlichen Abhandlung mitten im redaktionellen Texte zu treffen sind.
(Bäder/Cattani 1993, S. 13).
Information und Produktempfehlung, sogar (was damals noch selten ist) mit visuellem Motiv. Quelle: Naumburger Tageblatt 09.03.1902.
Ein in der Zeitung – jedenfalls für Fachleute – identifizierbarer Raum für – aus heutiger Sicht ggf. normwidrige bzw. intransparente – Verhältnisse zwischen Verlag / Redaktion und werbetreibender Wirtschaft bildete die Rubrik „Aus dem Geschäftsleben“. Sie kam – wir berufen uns jetzt vor allem auf die Durchsicht einer Tageszeitung in einem preußischen Kreis – i.d.R. am Schluss des journalistischen Teils und bildete eine Grauzone zwischen oder – wenn sie „über dem Strich“ stand – im redaktionellen Teil und dem Anzeigenteil „unter dem Strich“ bzw. den speziellen Anzeigenseiten. Häufig enthielt sie Texte, die formal wie ein journalistischer Beitrag aufgemacht machen. Mitunter waren aber auch grafisch gestaltete Anzeigen enthalten, was ihren Zwittercharakter deutlicher machte. Ob die Rubrik „Aus dem Geschäftsleben“ (kostenlose) geschäftliche Empfehlungen enthielt, die sich Verlag oder Redaktion zu eigen machten oder ob diese anders (besser) als im Anzeigenteil von den Werbetreibenden bezahlt wurden, lässt sich hier nicht beantworten.
Wir dokumentieren hier als Abbildungen einige Beispiele, wie in der durchgesehenen Kreiszeitung aus der preußischen Provinz Sachsen diese Rubrik „Aus dem Geschäftsleben“ für medizinische bzw. gesundheitsrelevante Inhalte genutzt wurde.
Wie die Beispiele zeigen, konnte die Rubrik „Aus dem Geschäftsleben“ also sehr unterschiedlich gestaltet sein.
Zunehmend kämpferische Organisierung, strategische Vertretung und kampagnenhafte Kommunikation von Interessen
Neben vermutlich oder offensichtlich unseriösen schleichwerberischen oder finanziellen Praktiken auf beiden Seiten zeigt sich aber auch die historische Nähe zur zunehmenden und kämpferischen Organisierung der Interessen, zu strategisch-kampagnenhaften inhaltlichen Beeinflussungs- und Manipulationsversuchen sowie zu Wurzeln einer seriösen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit.
Cattani schreibt 1913 sowohl davon, dass „[v]on Jahr zu Jahr die Stoßkraft der Abstinenztruppen zugenommen“ habe als auch davon, dass „Brauer, Brenner und Wirte […] ‚Schutzverbände‘“ gegründet hätten. Letztere hatten aber wohl mehr Erfolg, denn ein Merkmal der seinerzeitigen Presse sei die „Kritiklosigkeit, mit der sie alkoholfreundlichen Märchen und Fälschungen Raum gewährt“, gewesen. Begleitet oder erzwungen wurde das wiederum von auch unseriösen Praktiken:
Im Jahre 1905 hat der ‚Sächsische Gastwirteverband‘ die gesamte sächsische Presse direkt ersucht, im Interesse der Hauptinserenten der politischen Presse Artikeln zu Gunsten der Abstinenz den Abdruck zu versagen und gleichzeitig um Abdruck seiner eigenen Artikel zur Alkoholfrage ersucht. Der größte Teil der sächsischen Presse hat sich damals gefügt, bis die ‚Leipziger Volkszeitung‘ im Oktober die Angelegenheit an die Öffentlichkeit brachte.
(Bäder/Cattani 1993, S. 24 und 27)
Parteiliche Zeitungen und unparteiliche Generalanzeiger
Als zentrale Tendenzen des Zeitungswesens, die aus dem 18. ins 19. Jahrhundert führten, lassen sich Politisierung und Parteinahme festhalten. Ein (…)
(…) großer Teil der Journalisten brachte seine Gesinnung seit Ende der fünfziger Jahre (des 19. Jahrhunderts) vor allem dadurch zum Ausdruck, dass er sich zu einer der entstehenden Parteien bekannte“. Grundsätzlich entsprach dies dem „Druck des Publikums.
(Requate 1995, S. 267ff.)
Mit dem parallelen Aufbau von Parteistrukturen „trennten sich“ allerdings wieder die vorher angenäherten „Berufswege von Politikern und Journalisten“ (Funkkolleg 1990, Studienbrief 8, S. 57).
Die „einzige bedeutende deutschsprachige Zeitung des 19. Jahrhunderts [, die] fast über den gesamten Zeitraum ihres Bestehens mehr oder weniger explizit an einem ‚Unparteilichkeitsanspruch‘, so vage dieser auch sein mochte, festhielt“, war die Cottasche Allgemeine Zeitung (Requate 1995, S. 271).
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vollzogen sich allerdings noch strukturelle Wandlungen und Neuerungen in der Presse. Neben der für Deutschland typischen weltanschaulich gegliederten bzw. Partei-Presse „– und teilweise auch in bewusster Absetzung gegen sie – entstanden […] ab ca. 1880 Generalanzeiger, die als ‚Prototypen der neuen Massenpresse‘ (Stöber 2000, S. 232) gelten können. Sie finanzierten sich teilweise (aber noch grundsätzlicher als die übrige Presse – Einschub T.L.) über Anzeigen, so dass sie billiger verkauft werden konnten.“ (Schiewe 2004, S. 151)
Medizinthemen – vor allem auch als Ratgeber und Lebensberatung für ein Massenpublikum – hatten in den thematisch universellen und serviceorientierten Generalanzeigern eine deutlich größere Publikationschance als in der auf Politik, Ideologie und Polemik fokussierten Parteipresse.
Verteilung der Inhalte und endgültige Herausbildung der Ressorts
Medizinische Inhalte – vor allem auch zur „Popularisierung der (medizinischen) Wissenschaft“ – waren unübersehbar in der allgemeinen Presse vertreten. Aber auch die gesundheitspolitische Seite wurde stärker akzentuiert. Zugleich macht das folgende Zitat deutlich, dass die journalistische Berichterstattung ein komplexes Ergebnis unter wesentlicher Mitarbeit von PR-Aktivitäten aus Medizin, Wissenschaft, Politik, Verwaltung und wohl auch aus beginnendem Verbraucherschutz darstellt:
Forschungsergebnisse der wissenschaftlichen Hygiene (…), namentlich in der Bakteriologie“ führten zu „bestimmten Forderungen an die öffentliche Gesundheitspflege“. „In den Tageszeitungen erschienen ständig Berichte, wie etwa in der ‚Kölnischen Volkszeitung‘ (unter der Rubrik ‚Mitteilungen des Gesundheitsamtes‘) über Seuchenverhütung, sachgemäße Behandlung der Lebensmittel, Schnapsbrennen und Ähnliches. Die Ärzteschaft benützte die Zeitungen als Mittel zur hygienischen Volksaufklärung[…]. Damit wird die Zeitung zum publizistischen Wirkmittel als Bestandteil des Zeitgesprächs.
(Bäder/Cattani 1993, S. 111)
Wie ordnet sich die Gesundheitsberichterstattung in den gesamten Themenkosmos der Presse ein? „Es liegen nur wenige Zahlen aus quantitativen Inhaltsanalysen vor, die verdeutlichen, wie sich der Stoff auf die einzelnen Ressorts verteilt“ (Blöbaum 1994, S. 206). Zudem ist die heutige Forschungslage – wie schon für die frühe Presse – so beschaffen, dass in Inhaltsanalysen häufig Medizin nicht gesondert ausgewiesen wird.
Der Berliner Lokal-Anzeiger, ein Vertreter der modernen Generalanzeigerpresse, und – zum Vergleich in Klammern – die Vossische Zeitung, eine liberale Zeitung älteren Typs, kamen im Jahrgang 1884/85 auf folgende Spartenverteilung:
- Lokales: 22,10 Prozent (3,52 Prozent),
- Politik: 6,82 Prozent (17,03 Prozent),
- Handel: nicht vergleichbar (17,97 Prozent),
- Gerichtsberichte: 4,07 Prozent (1,33 Prozent),
- Unterhaltung (Feuilleton): 9,00 Prozent (5,72 Prozent),
- Fortsetzungsroman: 21,86 Prozent (nicht vergleichbar),
- Briefkasten: 3,43 Prozent (nicht vergleichbar),
- Anzeigen: 31,60 Prozent (43,30 Prozent). (Bollinger 1996, S. 38)
Eine Inhaltsanalyse von 30 Zeitungen des Jahres 1903 ergab folgende Anteile einzelner Ressorts in Prozent: Wirtschaft 32,6; Politik 22,3; Feuilleton 21,7; Justiz und Skandale 7,3; Lokales 6,9; Sport 4; Leitartikel 4. (Nipperdey 1990, zit. in Blöbaum 1994, S. 207) Medizinische Informationen sind am ehesten in den Sparten bzw. Ressorts Feuilleton und Lokales zu vermuten. Was das Feuilleton betrifft, mag dies auch durch das zunehmende Interesse von Literatur und Kunst (Descoust, Brieux, Shaw …) an medizinischen Fragen bedingt sein (Bäder/Cattani 1993, S. 9).
Dass im Lokaljournalismus medizinische Themen eine Rolle spielen, lässt sich auch durch Quellen stützen. Wichtige Themen der Lokalteile sind – mit Abstand nach den (…)
(…) Sitzungen der Stadtverordneten“ – „öffentliche Gesundheitspflege, Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung, Errichtung städtischer Krankenhäuser, Seuchenverhütung und -bekämpfung, Reform des Markt- und Schlachtwesens, Bau von Turn- und Schwimmhallen, Errichtung von Grünanlagen und Friedhöfen
(Jonscher 1991, zitiert nach Blöbaum 1994, S. 212).
Zu einem eigenen Hauptressort reichte es für die Medizin bzw. Gesundheitsfragen jedenfalls nicht. Auch „Wissenschaft“ gelang seinerzeit nicht der „Sprung zu einem eigenständigen Ressort“ (Blöbaum 1994, S. 211). „Beim Wissenschaftsjournalismus handelt es sich um ein relativ junges journalistisches Ressort, das sich erst während des 20. Jahrhunderts durchsetzte“ (DFJV 2024).
Vielmehr verfestigten sich im 19. Jahrhundert und danach die schon früher herausbildenden „klassischen Ressorts“ Politik, Wirtschaft, Feuilleton, Sport und Lokales mit der Tendenz „mehr Unterhaltung und weniger Politik“. Dass es zum Beispiel der „Sport“ – im Unterschied zu Wissenschaft oder Medizin – zum eigenen Ressort schaffte, wird u. a. wie folgt begründet: Die (…)
(…) Ereignishaftigkeit unterscheidet Sport von der Prozesshaftigkeit in Bereichen wie Wissenschaft oder Erziehung. Sportergebnisse lassen sich meist präzise angeben in Gramm, Meter oder Minuten bzw. Toren und Punkten. Dies kommt dem Verarbeitungsprogramm von Journalismus entgegen. Mit dem ständig Neuigkeiten verarbeitet werden.
(Blöbaum 1994, S. 211)
Funktionale Ausdifferenzierung und generelle Medialisierung
Die funktionale Ausdifferenzierung der medialen Berichterstattung in bestimmte „Themenwelten“ oder fachjournalistische Ressorts konnte die zunehmende Komplexität der gesellschaftlichen und individuellen Realitäten darstellbar und kommunizierbar halten. Dieselbe Komplexität war allerdings zunehmend auch durch Inhalte bzw. Probleme gekennzeichnet, die sich aufgrund ihrer existenziellen Auswirkungen einer Zuteilung zu bestimmten kommunikativ-medialen Sparten entzogen, sondern quasi undifferenziert auf alle und jede Kommunikation durchschlugen.
Abb.: Titelseite der Wiener Zeitung vom 31. Januar 1889 mit der Bekanntmachung von Rudolfs Tod als „Herzschlag“. Quelle: Schautafel am Besucherzentrum Mayerling (Stand 2025). Foto: Tobias Liebert.
Abb.: Der chronologische Ablauf der „Tragödie“ am 30. Januar 1889. Quelle: Schautafel im Besucherzentrum/Museum Mayerling (Stand 2025). Foto: T.L. Zum Vergrößern bitte anklicken.
Wie auch schon früher betraf dies gesundheitlich-medizinische Informationen zu einzelnen Ereignissen bzw. Vorgängen, wenn diese oder die handelnden bzw. betroffenen Personen von eminent politischer bzw. gesamtgesellschaftlicher Bedeutung waren. Krankheiten oder gar der dadurch hervorgerufene Tod von Fürsten und Königen waren immer schon anlassbezogene medizinische Themen, die es auf Seite 1 der periodischen Presse schaffen konnten. Der steigende Preis von Macht bzw. politischer Erfolge und Misserfolge, wachsendes mediales Informationsangebot und zunehmendes öffentliches Interesse erhöhten auch die Ansprüche an bzw. Aufwände für herrschaftsrelevante medizinische Informationen bzw. (je nach informationspolitischer Strategie auch:) Desinformationen.
Abb.: Vertuschung des Vorfalles und Desinformation finden Eingang in die damaligen aktuellen Medien. Quelle: Schautafel im Besucherzentrum/Museum Mayerling. Foto: T.L.
Abb.: Mögliche medizinische u.a. Gründe für Rudolfs Selbstmord. Quelle: Schautafel im Besucherzentrum/Museum Mayerling (2025). Foto: T.L. Zum Vergrößern bitte anklicken.
Abb.: Besucherzentrum (links) und ehem. Jagdschloss / heute Museum (rechts) in Mayerling (2025). Foto: T.L..
Ein Beispiel dafür ist der Tod – ein erweiterter Suizid – des österreichischen Kronprinzen Rudolf (und seiner Geliebten) im Januar 1889 in Mayerling im Wienerwald und die seinerzeitige offizielle sowie mediale Darstellung seiner (auch medizinischen) Ursachen und Umstände bzw. der Ablauf von Beeinflussung und Steuerung dieser Darstellungen. Diese waren so komplex und widersprüchlich, dass das Geschehen im einstigen Jagdschloss des Kronprinzen nie völlig eindeutig geklärt werden konnte und später auch in fiktionalen Medienformaten verarbeitet wurde. Heute befindet sich dort ein auch presse- und propagandahistorisch interessantes Museum (Besucherzentrum seit 2014; https://www.karmel-mayerling.org ).
Abgesehen von einzelnen Schlüsselereignissen führte die eingangs aufgerufene Komplexität vor allem zur kompletten Medialisierung (oder wie manche sagen: Mediatisierung) einer gesellschaftlichen Herausforderung, also die Anerkenntnis und Ausnutzung der Tatsache, dass die Erkenntnis, Darstellung und Lösung eines zentralen Problems nur mit und in bzw. durch publizistische(n) Medien möglich ist.
Ein solches Mega-Problem war in jüngster Vergangenheit die Corona-Pandemie. In unserer historischen Abhandlung stellt am Ende unserer zunächst zweiteiligen Abhandlung die Bewältigung der Folgen des Ersten Weltkriegs die zentrale Herausforderung dar.
Abb.: Eine von der Zeitung verarbeitete Nachrichtenagenturmeldung über die „spanische Krankheit“. Quelle: Naumburger Tageblatt 01.06.1918.
Abgesehen von den vielen Kriegsversehrten und der Hungergefahr bildete für die damaligen Zeitgenossen – zunächst noch in Unkenntnis des Kriegsausgangs – die begleitende Grippepandemie das zentrale Gesundheitsthema dar.
Während der Spanischen Grippe (1918ff.) spielte die massenmediale Öffentlichkeit bei der Informationsvermittlung insbesondere in Form von Zeitungen eine noch größere Rolle. Hierbei kursierten zunächst gegenteilige Mitteilungen, die entweder über eine rätselhafte Erkrankung spekulierten oder die Spanische Grippe als Influenza erklärten; später – aber immer noch in der Anfangsphase der Pandemie 1918 – hielten sich die der Zensur unterliegenden Zeitungen unisono an die Vorgaben des Reichsgesundheitsrats, von einer vergleichsweise harmlosen Influenza zu berichten, um Beunruhigung in der Bevölkerung zu vermeiden (Michels, 2010), bevor schließlich die Realität der vielen Toten auch die in den Zeitungen vorherrschenden Verharmlosungen verdrängten.
(Reifegerste/Wagner 2021, S. 8; in Reifegerste/Sammer)
Im Jahr 1918 war das Thema in der allgemeinen Presse noch durch Unbestimmtheit und „Rätselraten“ um die „spanische Krankheit“ gekennzeichnet, wie das rechts dokumentierte Beispiel aus einer Zeitung der preußischen Provinz Sachsen zeigt.
























