Wissenschaftliche und Fachzeitschriften im 17. Jahrhundert
Entstehung einer generalistischen und spezialisierten wissenschaftlichen bzw. Fach-Presse
Im 17. Jahrhundert fand eine „Wissenschaftsrevolution“ statt, die die Wissenschaften „bis zum heutigen Tag [prägt]“. „Die neue Wissenschaft brach mit der Vorstellung, dass die großen Klassiker der Antike die Welt hinlänglich erklärt hätten. Zuverlässiges Wirken erlangt man nur durch selbstständiges Beobachten und Denken.“ (Altena/van Lente 2009, S. 39f.)
Diese Umwälzung fand auch ihren publizistischen Ausdruck. Es entstand die (…)
Fachzeitschrift (auch Fachpresse), eine der Hauptgattungen der Presse. F.en gibt es bereits seit dem Ende des 17. Jh.s, ein eigenständiger Verlegerverband besteht seit 1892.
(Vogel in Bentele/Brosius/Jarren 2013, S. 79)
„Gelehrtenzeitschriften wie das französische ‚Journal des Scavans‘ (1665ff.) oder die in Leipzig erscheinenden ‚Acta Eruditorum‘ (1682ff.) bilden noch vor der Entstehung einzelwissenschaftlicher Periodika Frühformen der W.(issenschaftspublizistik), deren Titelanzahl aufgrund von gegenüber der sonstigen Presse weniger strengen Zensurbestimmungen rasch anstieg.“ (Raabe in Bentele/Brosius/Jarren 2013, S. 374f.; vgl. auch Deneke 1969, S. 169ff., und Bäder/Cattani 1993, S. 107f.) Das französische Journal des Scavans erschien in lateinischer Übersetzung ab 1667 als Ephemerides Eruditorium auch in Deutschland (Schiewe 2004, S. 135).
Auch die so genannten Historisch-Politischen Zeitschriften bzw. Jahrbücher oder Mehrjahresbände – beispielsweise das Theatrum Europaeum (1635ff., Vorläufer als Chronik ab 1633 durch Kupferstecher und Verleger Matthäus Merian) – konnten medizinische Artikel enthalten. Dies galt insbesondere für die Auflagen 1647/51 und 1707, als der Frankfurter Arzt, Rat und Historiograph Johann Peter Lotichius Autor bzw. Herausgeber war. (Bäder/Cattani 1993, S. 107; https://de.wikipedia.org/wiki/Theatrum_Europaeum ).
Zeitschrift der „Leopoldina“
In Deutschland ist die Entstehung der Wissenschaftspresse eng mit einer Wissenschaftlerakademie verbunden. 1652 gründeten vier Gelehrte die heutige Leopoldina mit Sitz (1745-1769 und ab 1878) in Halle (Saale) und begannen „mit dem Sammeln von Büchern zu naturwissenschaftlichen und medizinischen Themen“. Sie ist „die älteste Wissenschaftsakademie, die bis heute weltweit ununterbrochen existiert“. (Thomas Schöne in MZ 2024-09-05)
Über den eigentlichen Gründungsort der „Academia Naturae Curiosorum“, der heutigen Leopoldina, finden sich unterschiedliche Angaben: Die medizinpublizistische Dissertation von Bäder (1954, S. 152) schreibt von Wien, was sich aber vermutlich auf die spätere offizielle Bestätigung durch Kaiser Leopold I. 1677 bezieht. Auf der offiziellen Webseite der Leopoldina steht:
Am 1. Januar 1652 gründen die vier Ärzte Johann Lorenz Bausch, Johann Michael Fehr, Georg Balthasar Metzger und Georg Balthasar Wohlfahrth in der Freien Reichsstadt Schweinfurt die Academia Naturae Curiosorum.
Diese erste wissenschaftliche Akademie auf deutschem Boden verlegte ab 1670 in Leipzig das wissenschaftliche Jahrbuch in lateinischer Sprache „Miscellanea curiosa Medicophysica“ mit den Themenkreisen Medizin, Chemie und Naturgeschichte (Stader 1989, S. 80; auch Bäder/Cattani 1993, S. 152). Diese Zeitschrift wurde „auf Initiative von Sachs von Lewenhaimb, Arzt in Breslau, […] ins Leben gerufen“ (https://www.leopoldina.org/ueber-uns/ueber-die-leopoldina/akademiegeschichte/geschichte-der-leopoldina/ ).
Die „Vermischten Nachrichten über die Merkwürdigkeiten aus dem Naturreich“ heißen heute „Nova acta leopoldina“. Es handelt sich damit „um die älteste naturwissenschaftlich-medizinische Zeitschrift der Welt, die bis heute ununterbrochen erscheint“ (Thomas Schöne in MZ 2024-09-05) bzw. gar um die „weltweit […] erste Zeitschrift mit dem Schwerpunkt Medizin und Naturwissenschaften“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Miscellanea_Curiosa ). Das hängt auch damit zusammen, dass sich „in der Medizin erste systematische Untersuchungen bereits im späten 17. Jahrhundert“ (Tröhler 1999) finden. (Hastall/Lang in Rossmann/Hastall 2019, S. 16) Die Zuwendung zur naturwissenschaftlichen Systembildung bedeutete eine „Abwendung von den mystischen Elementen“ (Bäder/Cattani 1993, S. 153).
Nahm zunächst die Medizin viel Raum ein, so verlagerte sich der Schwerpunkt [der Zeitschrift – T.L.] unter Christian Gottfried Nees von Esenbeck [1818–1858] zur Botanik. Unter den Präsidenten Wilhelm Behn und Carl Hermann Knoblauch kam es wieder zu einer gleichmäßigeren Berücksichtigung der wissenschaftlichen Disziplinen. Um die Wende zum 20. Jahrhundert lag die Auflage bei 500 Exemplaren.
Die „Miscellanea“ für die Zeit von 1670 bis 1791 wurden jüngst komplett digitalisiert und über die Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek Jena online zugänglich (https://zs.thulb.uni-jena.de/receive/jportal_jpjournal_00001406 ).
Weitere Rezensionszeitschriften
Die bereits erwähnten „Acta Eruditorum“ aus Leipzig stellte eine monatliche Rezensionszeitschrift in lateinischer Sprache dar und erlangte europäische Bedeutung. Sie wurde 1682 von Professor Otto Mencke gegründet (vgl. auch Schiewe 2004, S. 135f.) bzw. ein Jahrhundert lang (bis 1782) von Familie Mencke herausgegeben und vom sächsischen Kurfürsten finanziell unterstützt. Sie war inhaltlich breiter aufgestellt und behandelte neben mathematisch-naturwissenschaftlichen Themen auch – aber selten – Philosophie und Philologie, schöne Literatur kaum, Politik blieb ausgeschlossen. Als wichtigster Autor des ersten Jahrzehnts trat der Universalgelehrte Leibniz hervor. (Stader 1989, S. 81f.)
Von 1688 bis 1690 erschienen 24 Hefte (erst in Leipzig, dann in Halle) der „Monatsgespräche“ des Professors Christian Thomasius. Als Rezensionsorgan in deutscher Sprache und damit erste bedeutende deutsche Zeitschrift wandte sie sich vor allem literarischen und gesellschaftswissenschaftlichen Werken zu und enthielt deutliche Urteile und Wissenschaftskritik als Gesellschaftskritik (Stader 1989, S. 82).
Zwischen Generalismus und zunehmender Spezialisierung
Dass der Zuschnitt der Wissenschafts- bzw. Gelehrtenzeitschriften anfangs generalistisch angelegt war, liegt am seinerzeitigen Wissensumfang und Bildungsideal. Der 1716 verstorbene Gottfried Wilhelm Leibniz galt als Ideal eines Universalgelehrten mit der Chance, „das ganze Bildungsgut seiner Zeit zu fassen“. Noch im 18. Jahrhundert schien es für den Arzt als Akademiker als möglich und erstrebenswert, „weiteste Bereiche der benachbarten Naturwissenschaften voll und ganz“ zu übersehen und „gleichzeitig in Geschichte, Philosophie, Literatur und Kunst einen souveränen Überblick“ zu behalten. (Deneke 1969, S. 155)
Dennoch gab es bereits frühzeitig auch spezielle medizinische Fachzeitschriften, wie eine ärztliche Fortbildungszeitschrift als deutsche Ausgabe der von Nicolas de Blégny 1679 gegründeten „Monatlichen neueröffneten Anmerkungen über alle Theile der Arztneykunst“ (Deneke 1969, S. 160; Textillustration auf S. 166). Im nächsten, dem 18. Jahrhundert, sollten spezielle medizinische Fachzeitschriften aber eine deutlich größere Rolle spielen.
Beginnendes Überschreiten der Gelehrtenkreise
Die vorhin bereits erwähnten Monatsgespräche des Professors Thomasius „sind gewissermaßen ein Bindeglied zwischen den Gelehrten Zeitschriften und den späteren Moralischen Wochenschriften, indem sie einerseits die Besprechung von Büchern zum Gegenstand haben, andererseits dieses Thema einkleiden in ein fiktives Geschehen und ein fiktives Gespräch, aus dem der Leser eine Botschaft ableiten kann“ (Schiewe 2004, S. 136).
Ende des 17. Jahrhunderts reichen also die medialen Inhalte und Botschaften der Zeitschriften erstmals auch über die jeweils zuständigen Gelehrtenkreise hinaus. Insofern lässt sich der folgenden Datierung zustimmen:
Ihre historischen Wurzeln hat die G.(esundheitskommunikation) in der Gesundheitsaufklärung, die es seit Ende des 17. Jh.s gibt, und der medizinischen Volksaufklärung und ‚Gesundheitspropaganda‘ des 18. Jh.s, die zur Krankheitsvorbeugung eingesetzt wurde.
(Bentele in Bentele/Brosius/Jarren 2013, S. 107)
Auch Paschold (2021, S. 3, in Reifegerste/Sammer) schreibt davon, dass „erste Ansätze bzw. Anwendungen von Public Health in Gegenden, die heute zu Deutschland gehören, bereits auf das 17. Jahrhundert zurück[gehen]“.
Medizin erfährt zunehmend öffentliches Interesse.
Sie wird Thema des Zeitgesprächs. Sie bleibt nicht länger geheime Wissenschaft des kleinen Kreises der Eingeweihten
(Deneke 1969, S. 14).
Über das grundsätzliche Verhältnis zwischen einerseits wissenschaftlich gebildeten Ärzten und andererseits Laien in der damaligen Zeit gibt es unterschiedliche Interpretationen. Bezogen auf das 17./18. Jahrhundert heißt es bei Bäder/Cattani (1993, S. 102f.): Ärzte hielten sich „in ihren Äußerungen über ihre Wissenschaft sehr zurück. Es hätte ihrem Streben nach Nimbus widersprochen, wenn sie sich mit Laien in ein eingehendes Gespräch eingelassen hätten.“
Anders Deneke (1969): Eine Unterscheidung von Medizinern und Laien im heutigen Sinne von Fachleuten und Nichtfachleuten war noch nicht vorherrschend – eine solche Distanzierung erfolgte erst in der Epoche der Romantik, also vom Ende des 18. Jahrhunderts an. Die Mediziner äußerten noch im 18. Jahrhundert „im Gespräch über Medizin keine Vorbehalte gegenüber Nichtmedizinern gleichen Bildungsniveaus“ (S. 156).
So verwundert es nicht, dass sich Gesundheitszeitschriften – sogar erste spezialisierte, auf Teilbereiche konzentrierte – wie das Diätetische Wochenblatt „vorwiegend an ‚Laien‘ wenden“. (Deneke 1969, S. 160; Titelblatt von 1783 auf S. 168) Auch Bäder/Cattani (1993, S. 107ff.) führen Beispiele solcher populärwissenschaftlicher bzw. Laienblätter an, allerdings erst aus dem 18. Jahrhundert: Wochenschrift Der Arzt (Hamburg 1759/64 durch Johann August Unzer), Der patriotische Medicus (Hamburg 1716/1804 durch den Arzt Anton Hinz oder Heins?), Almanach für Ärzte und Nichtärzte (1782-1796 durch Christian Gottfried Gruner) …
Die zunehmende Nutzung medialer Kommunikation in den und für die Wissenschaften sowie ihre Ausdifferenzierung bedeutete nicht, dass althergebrachte direkte bzw. persönliche Fachkommunikation „durch Reisen und Versammlungen“ unwichtig wurde. Im Gegenteil sie „dehnte sich immer mehr aus“. „Zu den Zusammenkünften politischer und kirchlicher Art traten vermehrt seit dem 17., vor allem aber dem 19. Jahrhundert die Fachkonferenzen.“ Kongress-Events „für den fachtechnischen oder wissenschaftlichen Austausch“ (Pohl 1989, S. 16) schufen darüber hinaus Anlässe für Öffentlichkeitswirkung und mediale Verarbeitung weit über die eigentlichen Fachkreise hinaus, womit auch die Betroffenen- und Laienkommunikation – beispielsweise gegenüber der medizinischen Patientenschaft – gefördert wurde.
Gelehrtenzeitschriften aus Wien
Die Anfänge des Wiener Zeitschriftenwesens erfolgten recht spät. Deshalb ergibt sich hier ein zeitlicher Vorgriff ins 18. Jahrhundert. 1749 ist „das Erscheinungsjahr des Teutschen Spectateurs, einer in Dialogform verfassten Zeitschrift, die sich mit Fragen des allgemeinen Nutzens von Bildung beschäftigt“.
1755 kam es zur ersten beständigeren Zeitschriftengründung in Wien, den Wienerischen gelehrten Nachrichten, die Ludwig J. Heyden als eine Art periodischen Verlagskatalogs für den Drucker und Verleger Trattner bis 1758 verfasste. Bereiche der Wissenschaften wie die Medizin, die Pädagogik, die Sprachlehre sowie schöne Literatur wurden darin berücksichtigt und sämtliche der vorgestellten Werke wurden in der Trattner’schen Buchhandlung vertrieben.
(Seidler in Karmasin/Oggolder 2016, S. 146)
Wissenschaftliche Zeitschriften im eigentlichen Sinne („gelehrte Journale“) erschienen in Wien ab den 1770er-Jahren, ein Beispiel sind die Wiener Ephemeriden von Otto von Gremmingen. (Seidler in Karmasin/Oggolder 2016, S. 161-163)
Rezensionen als wichtige Inhalte
Medienhistorisch verallgemeinern lässt sich, dass den redaktionellen wissenschaftlichen Zeitschriften (bloße) Annotations- oder Rezensionsorgane für wissenschaftliche Bücher vorausgingen. Das dürfte auch für die Medizin zutreffen.
Auch „normale“ Zeitungen enthielten Buchbesprechungen und wurden damit zu Metamedien (Medien über Medien). Diese Rezensionen konnten sachlich-referierender oder subjektiv-rezensentenbezogener, wohlwollender bzw. lobpreisender oder kritischer bzw. polemischer Art sein. Wir schauen ins 18. Jahrhundert: „Die erste Ausgabe der Beilage Gelehrte Nachrichten der Zeitung Wienerischen Diarium am 5. April 1766 ‚widmete sich mit zwei Buchbesprechungen dem Thema Medizin‘.
Das erste Werk von Dr. Carolus Krapf, der die Wirkung von ‚einigen Gattungen des Hahnenfuß Ranunculus‘ an sich selbst bzw. einem Hund ausprobierte, wird vernichtend rezensiert. So heißt es etwa: ‚[…] durch […] 33 Seiten sagt er uns doch nicht mehr als was er uns am Ende mit wenigen Worten sagt […]‘. Das ist ein ungewohnter Ton für eine Zeitung, die sich ansonsten jegliche Meinung, jegliches Kommentar verbieten muss und deren oberstes Gebot Sachlichkeit ist.
Das zweite den Lesern vorgestellte Werk wird hingegen gelobt; es handelt sich um eine Abhandlung ‚Joseph Jakob Plencks, Meisters der Wundarztneykunst, […] worinn die Wirksamkeit des ätzenden sublimirten Quecksilbers, und des Schierlings […] dargethan wird“. Auffallend ist, dass in beiden Rezensionen van Swieten – scheinbar ganz nebenbei – in positiver Weise erwähnt wird, was vermutlich ein Hinweis darauf ist, dass auch dieser Berater Maria Theresias großen Einfluss auf die Wissenschaftsbeilage des Wienerischen Diariums hatte.“ (Reisner/Schiemer in Karmasin/Oggolder 2016, S. 109)
Ob bestimmte und welche Interessen hineinspielten, ob also die Rezension ein journalistisches oder PR-Kommunikat darstellt, ist heute meist nur noch schwer festzustellen.