Gesundheitspolitik, öffentliche Hygiene und Aufklärung im „langen“ 19. Jahrhundert
Gesundheitspolitik als Kommunikationstreiber
Gesundheit wurde im „langen“ 19. Jahrhundert von einer primär individuellen zu einer öffentlichen bzw. Massen-Angelegenheit. Zwar gab es immer schon punktuelle obrigkeitliche Vorschriften und Regelungen, nun wurde aber Gesundheit fester, umfassender behördlicher Gegenstand und eigenständiger Politikbereich sowie zugleich Teil größerer sozialpolitischer Anstrengungen.
Hygiene etablierte sich als öffentliches und persönliches Anliegen, als Lehren der kollektiven und individuellen Gesunderhaltung
(Paschold 2021, S. 3 in Reifegerste/Sammer).
Die Behörden ließen das „Auftreten ansteckender Krankheiten […] systematisch untersuch[en]“, „die Ausbildung von Ärzten [wurde] unter Aufsicht gestellt, der Verkauf von Medikamenten reguliert und in einigen Gebieten wurde die Bevölkerung verpflichtet, sich der Ende des 18. Jahrhunderts erfundenen Pockenimpfung zu unterziehen, wodurch die Sterblichkeit an dieser Krankheit deutlich abnahm“ (Altena/van Lente 2009, S. 150f.).
All dies war eine Reaktion auf die gesundheitlichen Gefahren, die auch von der kapitalistischen Produktionsweise der damaligen Zeit ausgingen, vor allem:
Schlechte Bedingungen in Fabriken mit Arbeitszeiten von 12 bis 14 Stunden, Sonntagsarbeit und ein gesundheitsschädigendes Arbeitsumfeld, […] Massenelend“. Da dies „immer wieder Proteste und Streiks aus[löste] und […] zur Bildung einer Arbeiterbewegung“ führte, hatte dies auch eine herrschaftsgefährdende und staatspolitische Dimension. Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck hielt deshalb „sozialpolitisches Handeln für dringend geboten.
(https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialgesetze)
Auf seine Initiative beschloss der deutsche Reichstag am 15. Juni 1883 ein Gesetz über die Krankenversicherung für Arbeiter. Diese Krankenversicherung erreichte, „dass eine ärztliche Behandlung nun zumindest auch für versicherte Arbeiter die Regel werden konnte“. Weitere Gesetzeswerke folgten: Unfallversicherungsgesetz (1884) sowie Alters- und Invalidenversicherung (1889). (https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich/innenpolitik/sozialgesetze , vgl. auch Altena/van Lente 2009, S. 253ff.)
Die ersten Krankenversicherungsgesetze wurden in der Zeit „zwischen 1885 und 1903 elf Novellierungen“ (Reiners 2011) unterzogen. Die häufig beklagte „Reformwut“ gab es also bereit frühzeitig – sie erscheint insofern „dem Gesundheitssystem vielleicht sogar inhärent zu sein.“ (Grünberg 2014, S. 196).
Aus dieser umfangreichen gesetzgeberischen Tätigkeit im Reichstag, den parteipolitischen Positionierungen sowie behördlichen Umsetzungen dazu ergaben sich ein umfassender Informations- und Aufklärungsbedarf, Anlässe und Stoff für politische Öffentlichkeitsarbeit sowie rege Presseberichterstattung.
Gesundheit der gesamten Bevölkerung als komplexe und strategische Aufgabe
Die Gesundheit der (gesamten) Bevölkerung, die „Volksgesundheit“, entwickelte sich zu einem wichtigen Gradmesser der Leistungskraft und Zivilisation eines Landes. Und dies durchaus in mehrfacher Hinsicht und – aus heutiger Einschätzung – sowohl in national(istisch)er als auch demokratischer Perspektive.
„Volksgesundheit“ aus sozialer und nationaler bzw. nationalistischer Perspektive
Gesundheit wurde zu einer Voraussetzung der Wirtschafts- und Innovationsleistung sowie einem Vorteil im Wettstreit der Nationen. Gemäß der damaligen Vorstellungs- und Normenwelt sah insbesondere die so genannte Rassehygiene (…)
(…) in Krankheiten generell, vor allem aber in Geschlechtskrankheiten, einen Grund für ‚soziale Destabilisierung‘ (Sauerteig 1999, S. 41) und einen ‚sittlich-moralischen Verfall‘ der Gesellschaft und die für sie damit verbundene Degeneration der ‚Rasse‘ (Sauerteig, 1999, S. 31).
(Berlekamp 2021, S. 4, in Reifegerste/Sammer)
Dabei wurde den verschiedenen Krankheiten durchaus unterschiedliche Bedeutung zugemessen. Allerdings erwuchs diese Bedeutungszuschreibung nicht nur aus den jeweiligen Gefahren für den „Sozialkörper“ der Bevölkerung, sondern auch aus Unterschieden berufsständischer Images medizinischer Teilgebiete – teilweises Ergebnis auch von Eigen-PR – sowie ihrer „Passung“ zu den Nachrichtenwerten der modernen Massenpresse und den Informationsbedürfnissen ihrer Rezipienten.
Rolle medialer Vermittlung
Ein Hamburger Arzt dokumentierte und kommentierte 1913, was und wie sieben Zeitungen aus der Hansestadt über Psychiatrie bzw. Geisteskrankheiten einschließlich ihrer Verbindungen mit Selbstmorden, Alkoholismus, „psychischen Epidemieen (sic!), Aberglaube und Kurpfuscherei“ sowie Kriminalität berichteten. Dabei stellte er ein hohes Maß an Selektivität und Beurteilungsdefiziten der Presse fest, äußert aber für die medialen Sichtweisen auch Verständnis.
Im Vorwort eines professoralen Berufskollegen des seinerzeitigen Autors dazu heißt es: Der „Irrenarzt oder genauer gesagt der Spezialarzt für psychische Störungen“ nehme eine Sonderstellung ein.
Die Leiden seiner Patienten wecken in höherem Grade […] ein gewisses öffentliches Interesse, sie berühren das Wohlergehen ihrer Umgebung und der Allgemeinheit noch mehr, als die früher so gefürchteten, in unserem Zeitalter der Vorbeugung und der Bakterienforschung aber harmloser gewordenen ansteckenden Krankheiten. Während der Operateur und der Geburtshelfer nach erfolgreicher Tätigkeit wie Helden gefeiert werden und auch dem Internisten herzliche Dankbarkeit entgegenströmt […], wird der Psychiater gewöhnlich nur mit Widerstreben aufgesucht […]. Die Antipathie gegen die unheimlichen Geisteskrankheiten überträgt sich nun fast allgemein auch gegen die Irrenärzte.
(Rittershaus 1913, S. V)
Die Medienberichterstattung ließ sich nicht nur von bestimmten Nachrichtenwerten und Images von Krankheiten bzw. medizinischen Teilgebieten beeinflussen, sie unterlag auch staatspolitischen Rücksichten oder identifizierte sich mit solchen.
Eine Beeinflussung der Redaktion […] macht sich zuweilen durch die Nationalität und den Patriotismus geltend. So kann die Sorge um den Ruf und Kredit des Vaterlandes die Zeitungen ganzer Länder veranlassen, beträchtliche Choleraherde zu verheimlichen und dadurch Epidemien zu begünstigen.
(Bäder/Cattani 1993, S. 12)
Gesundheit und Wehrkraft
Militärische Aktivitäten, Schlachten und Kriege bildeten große medizinische Herausforderungen. Dies konnte auch – wie hier 1866 bei der Schlacht von Königgrätz (heute Hradec Králové/CZ) – aus Sicht des alten Reiches „deutsch-deutsche“ Auseinandersetzungen betreffen. Noch weitaus drastischer sollten aber die medizinischen Herausforderungen des Ersten Weltkrieges ab 1914 werden, die am Ende des Zeitraumes unserer Abhandlung stehen. Foto einer Schautafel in Chlum bei Hradec Králové: Tobias Liebert (2020). Zum Vergrößern bitte anklicken.
Gesundheit galt auch als Bedingung der Wehrkraft bzw. militärischen Stärke. Dies hatte Konsequenzen für die beteiligten Akteure. Beispiel Militär: Ihm „kam in der Aufklärung über Geschlechtskrankheiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle zu, (…). Angetrieben durch die erhöhte Verbreitung von Geschlechtskrankheiten bei Soldaten sah sich das Militär angehalten, schon frühzeitig erste Aufklärungsinitiativen für ihre Soldaten zu fördern.“ (Berlekamp 2021, S. 5, in Reifegerste/Sammer; vgl. auch Altena/van Lente 2009, S. 254ff.)
Da militärische Tätigkeiten ein hohes Verletzungsrisiko – vor allem im Kriege – mit sich bringen und die massenhafte Kasernierung von Soldaten erhöhte hygienische Anforderungen stellen, war das Militär eine wichtige Organisation zur Erprobung und Perfektionierung von Behandlungs- und Präventionsmethoden sowie medizinischer Technik und Infrastruktur.
Das galt vor allem für das Lazarettwesen im Ersten Weltkrieg, das auch das Hinterland – beispielsweise mit Reservelazaretten – erfasste. Daraus erwuchsen auch vielfältige Informations- und Kommunikationserfordernisse. Die öffentliche Hand und die Privatwirtschaft hatten Räumlichkeiten für Lazarette zur Verfügung zu stellen, wie beispielsweise aus Görlitz an der Neiße bekannt ist. Die dortige Eisenbahnwaggonfabrik baute zudem 1915 einen Lazarettzug zum Transport von 258 Verletzten mit 38 Waggons, davon 26 Krankenwagen, „die alle mit Rot-Kreuz-Zeichen versehen waren“ (StadtBild 2025, S. 48ff.).
Gesundheit und Sport
Eine ähnliche Rolle wie der Zusammenhang von Wehrkraft und Gesundheit spielte das „Vordringen des Sports“ und seine „Popularisierung“. Die Entwicklung des Sports zum Massenphänomen im 19. und 20. Jahrhundert – wesentlich medial vermittelt und unterstützt – war „wie kein anderes dazu angetan […], den Wert von Gesundheit und körperlicher Kraft, diesen Attributen der Jugend, als ebenbürtig mit Bildung und intellektuellen Leistungen hervorzuheben“. (von der Dunk 2004, S. 189)
„Volksgesundheit“ aus Bildungs- und demokratischer Perspektive
Zugleich stand die Gesundheit des Volkes im Zusammenhang mit dem jeweiligen Bildungsstand und war eine Voraussetzung massenhafter Partizipation an Politik und Gesellschaft, also für Demokratie. Wie auch eine „Demokratisierung des Gesundheitswesens“ Bedingung für wahre Volksgesundheit sein musste.
Gesundheitsaufklärung in neuer Dimension und Qualität
Abb.: Von Franz von Stuck gestaltetes Plakat zur Internationalen Hygiene-Ausstellung Dresden 1911. Quelle: Wikimedia Commons (gemeinfrei).
Die vorstehenden politischen, gesellschaftlichen und medizinischen Herausforderungen bzw. Zielsetzungen drückten sich vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts – noch im „langen“ 19. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg – in einem neuen Stellenwert von „Gesundheits-Aufklärung“ einschließlich Gesundheitsförderung und Prävention aus.
Eine wichtige Institution der deutschen Gesundheitsaufklärung war das 1912 in Dresden gegründete Deutsche Hygiene-Museum (DHMD), das auf eine Initiative des Dresdner Industriellen und Odol-Fabrikanten Karl August Lingner (1861–1916) zurückging und das vor allem mit Großausstellungen – immer auf neuestem wissenschaftlichen und technischen Stand – einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge in Deutschland und zur Demokratisierung des Gesundheitswesens lieferte.
(Bentele in Bentele/Brosius/Jarren 2013, S. 107; vgl. auch Rossmann in Rossmann/Hastall 2019, S. 4)
Fallbeispiel Geschlechtskrankheiten
Ein gutes Beispiel für die damalige Situation, gekennzeichnet sowohl von Aufbruch als auch noch von Beschränktheit, ist die Auseinandersetzung mit „sexuell übertragbaren Krankheiten“ (STI für Sexually Transmitted Infections) bzw. mit – wie man traditionell sagt – Geschlechtskrankheiten. Diese „beschäftigen Menschen seit jeher“.
Nachdem Sexualität und Fragen sexuellen Verhaltens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts im öffentlichen Diskurs jedoch weitgehend tabuisiert waren, rückte das Thema Geschlechtskrankheiten während der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert immer mehr in den Fokus des öffentlichen Interesses. Die Aufklärung der breiten Bevölkerung über die Geschlechtskrankheiten und der damit verbundene Wunsch nach Prävention wurde zu einer wichtigen Aufgabe erklärt. Bis heute sind die Förderung sexueller Gesundheit und die STI-Prävention elementarer Bestandteil der Gesundheitskommunikation.
(Berlekamp 2021, S. 1, in Reifegerste/Sammer)
„Bis ins 20. Jahrhundert sollte die Ausbreitung von sexuell übertragbaren Krankheiten unter Anwendung der sogenannten ‚Vermeidungsstrategie‘ verhindert werden. Diese Strategie verwendete Furcht- und Angstappelle und rief zu Enthaltsamkeit, Monogamie und Minimierung risikoreichen Verhaltens wie Drogen- und Alkoholkonsum auf.“ (Paschold 2021, S. 4, in Reifegerste/Sammer)
Dass diese Thematik nach 1900 stärker öffentlich diskutiert werden musste und konnte, hing damit zusammen, dass erstens „große Teile der Bevölkerung ‚in krassester Unwissenheit über die Häufigkeit und die Gefahren der Geschlechtskrankheiten, über die Wege ihrer Verbreitung und die Mittel, wie denselben vorzubeugen sei‘ lebten (Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten [MDGBG] 1, 1903, zitiert nach Sauerteig 1999, S. 93).“ (Berlekamp 2021, S. 3, in Reifegerste/Sammer)
Ein zweiter Grund war, dass die (poly-) wissenschaftliche Beschäftigung mit Sexualität und damit verbundenen Krankheiten um 1900 zunahm. „Somit entstand um die Jahrhundertwende ein Interesse an einer akribischen und wissenschaftlichen Erforschung und Systematisierung von sexuellem Verhalten (Sauerteig 1999)“. Dies wiederum war Folge der Erkenntnis, dass die einfache naturwissenschaftlich-medizinische Lösung einer Impfung nicht funktionieren würde: „Das spätere Scheitern der Forschung an der Suche nach einem Impfserum gegen die Syphilis ebnete den Weg für die Suche nach Lösungen für die Geschlechtskrankheitenproblematik für andere Interessensgruppen, vor allem für Sozial- und Rassehygiene.
Aus diesen um die Jahrhundertwende immer lauter werdenden Bewegungen kamen wichtige Impulse, die dazu führten, dass das Thema Geschlechtskrankheiten zur Jahrhundertwende vermehrt Einzug in die öffentliche Diskussion hielt (Sauerteig 1999).“ (Berlekamp 2021, S. 4, in Reifegerste/Sammer)
Einen etwas anderen Akzent setzt Paschold (2021, S. 4, in Reifegerste/Sammer):
Aufgrund der Behandelbarkeit von STI wie die Bekämpfung von Syphilis mit Arsen ab 1910, wurde weniger auf Enthaltsamkeit und Abschreckung gesetzt, sondern sich eher auf die schnelle Identifikation und Isolation von Infektionsquellen konzentriert. Diese ‚Suchstrategie‘ befürwortete Zwangstestungen, namentliche Meldepflicht und Behandlungszwang. Im Fokus stand dabei das Allgemeinwohl der Bevölkerung, dem die Freiheitsrechte des Individuums untergeordnet wurden. Vor allem in der Zeit der Sozial- und Rassenhygiene fand dieser Präventionsansatz Anwendung.
Schlusssatz:
Es ist geplant, die Abhandlung mit einem dritten Teil fortzusetzen, der die Entwicklung nach dem Ersten Weltkrieg nachzeichnet.

