Kommunikation in der Frühen Neuzeit: Einleitung und Akteure
Ärzte, medizinische Handwerker und Laienmediziner
Das „Zeitalter zwischen dem Spätmittelalter (Mitte 13. Jahrhundert bis Ende 15. Jahrhundert) und dem Übergang zur Moderne um das Jahr 1800“ wird als Frühe Neuzeit bezeichnet (https://de.wikipedia.org/wiki/Fr%C3%BChe_Neuzeit ). In dieser Frühneuzeit „entwickelte sich ein ausdifferenziertes Gesundheitssystem, das unter hygienisch und medizinisch schwierigen Bedingungen ein hohes Vertrauen der Bevölkerung genoss“. Es baute auf den bereits vorher bekannten „stationären Gesundheitseinrichtungen der Hospitäler, Apotheken und Heilbäder auf[…].“
Wies sah das Berufs- und Praxisfeld der Ärzte, medizinischen Handwerker und Laienmediziner aus? „Die Heilkunde und ärztliche Praxis lag in der größtenteils ländlich und ständisch strukturierten Gesellschaft der Frühen Neuzeit überwiegend in der Hand von ortsansässigen bzw. fahrenden Laienmedizinern und Handwerkern“. Dazu gehörten praktisch ausgebildete Barbiere, Bader, Wundärzte, „Kräuterhexen“, Hebammen, Chirurgen, Steinschneider und Zahnbrecher. Diese führten einen „Großteil der Behandlungen“ durch. (Salatowsky 2022, S. 1 und 7; in Reifegerste/Sammer) Das „selbstständige[n] Gewerbe der Bader“ beispielsweise vollzog den „Aderlass“ – eine seinerzeit zentrale Behandlungsmethode – und war deshalb an seiner medialen „Popularisierung“ durch „Holzschnittdarstellungen“ bzw. „Kalender“ interessiert (Deneke 1969, S. 17).
Das, was wir heute als (studierte) Ärzteschaft bezeichnen, gab es damals nur in vergleichsweise geringer Zahl.
Die gelehrten Mediziner lehrten […] an den Universitäten, dienten als Leibärzte an den Höfen oder bei Adligen, behandelten gutsituierte Bürgerliche, Händler oder Kaufleute in den größeren Städten.“ Sie waren es auch, die als Publizisten ihres Gelehrtenwissens auftraten und „in hoher Zahl ihre überwiegend in lateinischer Sprache verfassten Schriften [veröffentlichten]“. „Eine Ausnahme hiervon bildeten die sogenannten Pesttraktate, die den Bewohnern in deutscher Sprache Handlungsanleitungen an die Hand gaben, wie man sich vor den Seuchen schützen könne.
(Salatowsky 2022, S. 1 und 7; in Reifegerste/Sammer)
Die Rolle der akademisch gebildeten Ärzte sollte erst in späteren Jahrhunderten zunehmen. „Im Verlauf des 17. Jahrhunderts stieg zwar die Zahl der studierten Stadt- und Landärzte sprunghaft an, dies änderte jedoch zunächst nichts an der Dominanz der Handwerker. Der Weg bis zur Akademisierung bzw. zur Einrichtung einer durch die Obrigkeit festgelegten Ausbildung im Gesundheitswesen war noch weit. Dies geschah flächendeckend erst im 19. Jahrhundert (Jütte, 2014, S. 19).“ (Salatowsky 2022, S. 7; in Reifegerste/Sammer)
Zurück in die Frühe Neuzeit und zu den Ärzten im weiteren Sinne, also einschließlich der Barbiere, Chirurgen usw. Aus Patientensicht galt:
Erst wenn die eigenen Hausmittel keinen Erfolg hatten, holte man fremde Hilfe“. Dabei war es gar nicht so einfach, sich für einen kompetenten Helfer zu entscheiden, auch ob der differenzierten Berufsrollen. Und: „Auf dem Gesundheitsmarkt gab es eine Vielzahl von Angeboten. Man wetteiferte um die Kundschaft, verteilte Flugblätter mit Sensationsmeldungen von spektakulären Heilungen, nutzte die Mundpropaganda, um sich als erfolgreichen Heiler bzw. erfolgreiche Heilerin zu präsentieren.
(Salatowsky 2022, S. 7; in Reifegerste/Sammer)
Mitunter sehr weitgereiste Wunderdoktoren und Kurpfuscher ließen bebilderte „Porträtblätter“ publizieren, „die in den Begleittexten Lobsprüche und Anpreisungen der quacksalberischen Fähigkeiten enthalten“ (Deneke 1969, S. 23; vgl. auch Bäder/Cattani 1993, S. 101).
„Noch fließen die Grenzen zwischen medizinischer Wissenschaft, ärztlicher Kunst, Scharlatanerie und Kurpfuschertum. Mit der Entfaltung der naturwissenschaftlichen Medizin und mit der Entwicklung des ärztlichen Standeslebens im XV. und XVI. Jahrhundert werden diese Grenzen dem öffentlichen Bewusstsein jedoch immer deutlicher eingeprägt.“ Dazu trägt auch die Thematisierung des „Kurpfuschertums“ in der Publizistik bei. Mitunter werden in kritischen Darstellungen aber auch Wunderdoktoren und Ärzte in einem verrissen. (Deneke 1969, S. 22)
Mündlich-persönliche Kommunikation nach wie vor wichtig
Abgesehen von der bereits wichtigen Rolle einiger schriftlicher Medien bei der gesundheitsbezogenen Angebotsdarstellung, spielte orale, persönliche Kommunikation – insbesondere beim Arzt-Patienten-Verhältnis – die zentrale Rolle. Hatte man sich als Kranker oder Kranke für ein Angebot entschieden, fand die „erste heilkundliche Behandlung […] in der Regel innerhalb des eigenen Hauses statt“ (Salatowsky 2022, S. 7; in Reifegerste/Sammer). „[S]tationäre Arztpraxen existierten noch nicht. Der Arzt war also Gast im Haus. Oftmals ergab es sich, dass die Behandlung aufgrund der häuslichen Situation einen sehr familiären oder persönlichen Charakter bekam.“ (Salatowsky 2022, S. 10; in Reifegerste/Sammer)
Wie wir bereits aus dem Mittelalter wissen, mischte auch die Obrigkeit in der Medizinkommunikation mit. Zunehmender Aufklärungs- und Regelungsbedarf, zum Beispiel neue Apotheken-, Aufgaben- und Gebührenordnungen nach 1600, ließen den Kommunikationsbedarf anwachsen.
„Die Kommunikation der Obrigkeit mit ihrer Bevölkerung war in der Frühen Neuzeit kein leichtes Unterfangen (Wilke 2000). Ihr fehlten nachhaltige Strukturen vor Ort und in der Breite, mit denen sie die gesamte Bevölkerung hätte erreichen können.“ Die neuen schriftlichen Medien begannen erst sich zu entwickeln (siehe im Folgenden). „Zugleich stand eine hohe Analphabetenrate einer Lektüre derartiger Medien im Weg. Und selbst wenn man lesen konnte, verstand man die mit lateinischen Begriffen durchsetzte und aus langen Sätzen gebildete Verwaltungssprache nicht ohne Weiteres.“ (Salatowsky 2022, S. 3; in Reifegerste/Sammer)
Deshalb gilt auch für die amtliche Kommunikation mit den einfachen Menschen, dass sie im beträchtlichen Umfang weiterhin mündlich verlief bzw. als Zwei-Stufen-Kommunikation über die medizinischen Akteure, insbesondere dann, wenn diese bereits des Lesens kundig waren: „Die Vor-Ort-Kommunikation über die Ärzte, Apotheker, Laienmediziner oder offiziellen Vertreter war daher oftmals der einzige erfolgversprechende Weg für die Obrigkeit, um Bekanntmachungen an die Bevölkerung zu bringen.“ (Salatowsky 2022, S. 3; in Reifegerste/Sammer)
Kommunikationsakteur Kirche, Heiligenverehrung und Wallfahrten
Aus dem Mittelalter kennen wir die große Bedeutung der Kirche als Institution sowie in ihrer architektonisch-bildhaften Repräsentanz und als Kommunikationsakteur auch für Gesundheitsfragen. Die setzte sich auch in den folgenden Jahrhunderten fort. Seit jeher bitten die Gläubigen die Heiligen um Unterstützung bei der Genesung von Krankheit oder um Linderung bei Seelenqualen. Dies kann unter bestimmten Bedingungen und bei entsprechender sowie potenzierender Kommunikation zu regelrechten Wallfahrten führen. Besondere Adressatin ist Maria, die aus der Lauretanischen Litanei den Beinamen „Heil der Kranken“ (salus infirmorum) trägt.
Ein Beispiel dafür ist die Kirche und Klosteranlage Maria Langegg im Dunkelsteinerwald zwischen Melk und Krems. 1604 gelobte ein gewisser Matthäus Häring (…)
(…) vor seinem verehrten Marienbild – dem heutigen Gnadenbild – den Bau einer Kapelle, wenn sein schwer erkranktes Kind wieder genesen sollte. Das Kind genas, und bereits im darauffolgenden Jahr ließ er auf dem nahen Hügel eine Kapelle errichten und stellte darin das besagte Marienbild zur öffentlichen Verehrung auf. Das Gnadenbild wurde in der Folge von zahlreichen Gläubigen […] aufgesucht, sodass dieser Gnadenort mehr und mehr bekannt wurde.
(Maria Langegg 2017, S. 2f.)
1645 schließlich wurden die Serviten – wir haben diesen Orden bereits weiter vorn erwähnt – nach Maria Langegg berufen. (Maria Langegg 2017, S. 2f., 14)
Auch an anderen Orten Österreichs wird (…)
(…) Maria, Heil der Kranken“ gedacht. Die Wallfahrtskirche aus dem 18. Jahrhundert in Heiligenkreuz-Gutenbrunn enthält ebenfalls Fresken mit z.T. medizinischen Motiven. So „wenden sich […] Pilger an die Gottesmutter, links ein Einbeiniger, der auf die besondere Bedeutung des Ortes bei der Linderung von Fußleiden hinweist […].
(Soffner-Loibl 2012, S. 10)