Gutenbergs Erfindung im 15. Jahrhundert und das Buchwesen der nächsten Jahrhunderte

Beginn der „Mediengeschichte“

Im Folgenden wendet sich diese Abhandlung dem zu, was häufig aus traditionell kommunikationswissenschaftlicher Sicht und ausgehend von dem entsprechendem Medienverständnis als „Beginn der Mediengeschichte“ aufgefasst wird: also vor allem dem, was „in unmittelbarem Zusammenhang mit der Erfindung des Drucks mit beweglichen Lettern“ steht. Dies markiert den Beginn von „Massenmedien“ im Sinne von technischen Mitteln, die sich an große Publika wenden, und ihres periodischen (bzw. heute sogar permanenten) Erscheinens (vgl. Karmasin/Oggolder 2016, S. 4).

Wilke (2000) fasst diese Prozesse als „Entstehung“ und „Institutionalisierung“ von Massenkommunikation. Durchaus im Einklang mit anderen medienhistorischen Darstellungen erscheint es sinnvoll, dabei geschriebene (aber eben periodische) Zeitungen oder nichtperiodische, aber eben Druck-Werke mit einzubeziehen.

Technische Voraussetzungen für Literaturbetrieb und periodische Presse

Bessere Drucktechnik

Die Entstehung eines umfangreichen Literaturbetriebes und insbesondere der periodischen und schließlich täglichen Presse in Europa bedurfte bestimmter Voraussetzungen. Als technische sind erstens zu nennen: „Verbesserungen der Drucktechnik und Schriftgießerei“, insbesondere die „Erfindung des Drucks mit beweglichen Metall-Lettern durch Gutenberg“ (eigentlicher Name Johannes Gensfleisch). Dieser lebte von etwa 1400 bis 1468. (Schröder 1995, S. 4) Obwohl das 15. Jahrhundert auch dem Spätmittelalter zugerechnet werden könnte, schlagen wir die Gutenbergsche Erfindung aufgrund ihrer zukunftsgerichteten Wirkungen der Frühen Neuzeit zu.

Zwar gelang es schon Jahrhunderte vorher, um 1041, einem Chinesen namens Bi Sheng, (…)

(…) Schriften aus beweglichen Lettern“, zunächst aus Holz, zusammenzusetzen. Diesen folgten im China des 13. Jahrhunderts solche aus Metall. Dennoch vermochte sich dort dieses Druckprinzip „gegen die etablierte Holzschnittmethode nie vollends durchzusetzen“, weil aufgrund der chinesischen Wortschrift – anders als bei anderen Alphabeten – jedes Wort ein eigenes Symbol besitzt. „Um das Jahr 1000 existieren schon mehr als 20 000 Zeichen – für den Buchdruck sind derart viele Lettern aber denkbar ungeeignet.

(https://www.geo.de/wissen/weltgeschichte/der-buchdruck-30191204.html)

Die „Chinesen konnten den Druck mit beweglichen ‚Lettern‘ (= Buchstaben) nicht erfinden, weil sie keine Alphabet-Schrift kannten“, stellt Stöber (2025, S. 26) klar. Und: „Die asiatischen ‚Vor‘-Erfindungen blieben aber auch wegen der Abgeschiedenheit Chinas und Koreas ohne Konsequenz für die übrige Welt.“

Vor der Erfindung von Gutenberg im Jahre 1453 gab es zwar schon eine Reproduktionstechnik ganzer Seiten „mit Hilfe von Holztafeln (‚Blockbücher‘)“, vorherrschend war aber die handschriftliche Vervielfältigung in den Schreibstuben der Klöster und Kanzleien der Höfe. (Schiewe 2004, S. 109f.)

Mehr Papier

Eine zweite technische Voraussetzung für die Verbreitung von gedruckten Büchern und der periodischen Presse bildete gegen „Ende des 16. Jahrhunderts […] eine gesteigerte Papierproduktion“ (Schröder 1995, S. 4).

Zunächst verwendete man „[I]m Europa des Mittelalters […] Pergament zum Beschreiben. Es wurde aus fein gegerbten Tierhäuten hergestellt und stellte eine Kostbarkeit dar.“ Nachdem die Erfindung des Papiers aus China über den arabisch-islamischen Raum ab dem 11. Jahrhundert nach Europa gelangte, gewann (…)

[I]m Laufe der Zeit […] das Büttenpapier“ – also aus einer Wanne („Bütte“) mit einem Sieb handgeschöpftes Papier – „gegenüber dem Pergament als Zeichenträger immer mehr an Bedeutung, zumal der Grundstoff Holz damals noch überreichlich vorhanden war. Holz ist auch heute noch neben Lumpen das Grundelement des Papiers.

(Steinmetz u. a. 1987, S. 35f.)

Bis zum Ende des 16. Jahrhunderts stieg die Zahl der Papiermühlen in Deutschland auf etwa 190. In Österreich beispielsweise ist 1469 eine Papiermühle in St. Pölten nachgewiesen. (https://de.wikipedia.org/wiki/Papier )

Vor allem aber wurde dadurch Papier billiger: „Der Papierpreis sank bis zum Ende des 16. Jahrhunderts auf ein Siebtel bis ein Neuntel des Preises von 1450“ (Stöber 2025, S. 35).

Wachsender Buchmarkt

Gutenbergs Erfindung und die begleitenden Umwälzungen (vgl. auch Oggolder in Karmasin/Oggolder 2016, S. 54ff.) führten nicht nur zur Entstehung der periodischen Presse, sondern revolutionierten auch die Produktion von Büchern bzw. nichtperiodischen Druckerzeugnissen.

Bücher und Schriften wurden (…)

(…) zunehmend von weltlichem Charakter, wie z. B. die Reisehandbücher mit ihren praktischen Ratschlägen. Aber auch die Wissenschaften bedienten sich ihrer; denn infolge des durch den Humanismus bewirkten verstärkten Interesses an den Wissenschaften (einschließlich der Medizin – T.L.) reichten die ortsbegrenzten Kommunikationen auf Kongressen oder in der Universität, in Briefen und Disputationen nicht mehr aus. Neue Schrifttumsgattungen entstanden […].

(Pohl 1989, S. 16)

Zunächst zu den Quantitäten: Zeigten die Kataloge der Buchmessen im Jahre 1565 insgesamt 550 neu angebotene Bücher an, so bewegte sich diese Zahl in der Zeit von 1600 bis 1735 zwischen 787 und 1757 Druckwerken (Kapp 1886, hier referiert nach Schiewe 2004, S. 144).

Bis 1648 war stets der Anteil der Bücher in lateinischer Sprache höher, ab 1681 der in deutscher Sprache. Andere Untersuchungen (z. B. Goldfriedrich 1908) kommen auch auf andere Zahlen, die sich von der Tendenz her aber ähneln.

Für die Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel wurden medizinische und naturwissenschaftliche Drucke von 1500 bis 1800 untersucht: Einen ersten zahlenmäßigen Höhepunkt gab es Anfang des 17. Jahrhunderts (fast 125 Titel, einschließlich Einblattdrucke und Stiche), gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde diese Zahl dann deutlich überschritten. Anfang des 17. Jahrhunderts war der Anteil lateinischer Drucke mehr als doppelt so groß wie der der deutschen Drucke (jeweils ohne Einblattdrucke und Stiche). Zum Ende des 18. Jahrhunderts – ab 1780 – galoppierten die deutschen den lateinischen Titeln davon. (Pörksen 1986, hier referiert nach Schiewe 2004, S. 146).

Pörksen 1986 hat auch die Bücherkataloge der Leipziger Ostermessen aus den Jahren 1740, 1770 und 1800 ausgewertet: Die Zahl der verzeichneten naturwissenschaftlichen Titel stieg in diesen Jahren von 12 (zum Vergleich: Bücher aller Themen 755) über 45 (Bücher gesamt: 1144) auf 129 (Bücher gesamt: 2569). In den Naturwissenschaften veränderte sich das Verhältnis deutscher zu lateinischen Titeln wie folgt: im Jahr 1740 = 4:8 (zum Vergleich: Bücher aller Themen 545:209); im Jahr 1770 = 31:14 (Bücher gesamt 981:163); im Jahr 1800 = 108:21 (Bücher gesamt: 2442:102). Die Zunahme deutscher Titel gegenüber lateinischen verlief in den Naturwissenschaften also weniger rasant als im Buchmarkt insgesamt, was aufgrund der naturwissenschaftlichen, in der Regel also „gelehrten“ Thematiken nachvollziehbar ist.

Schiewe 2004 (S. 147), aus dem wir hier referieren, meint generell zu den Zahlen:

Absolut gesehen dürften diese Zahlen eher zu niedrig gegriffen sein, in ihren tendenziellen Aussage aber stimmen sie mit anderen Erhebungen überein.“ Diese Relativierung dürfte allein schon deshalb berechtigt sein, weil von Pörksen zum Beispiel „nur“ die Ostermessekataloge am – allerdings prominenten – Handelsplatz Leipzig herangezogen wurden. Kiesel/Münch 1977 schätzen die „Gesamtproduktion an deutschsprachigen Schriften“ zwischen 1700 und 1800 auf ungefähr 175.000 Titel. Zwei Drittel davon „dürften nach 1760 entstanden sein, da in den sechziger Jahren ein unvergleichlicher Aufschwung des Verlagswesens einsetzte und zudem die Produktion kleinerer Werke überhand nahm.

(Zit. nach Schiewe 2004, S. 147)

Das 18. Jahrhundert ist durch die „Durchsetzung und Expandierung einer deutschsprachigen Literatur“ gekennzeichnet, wobei „unter Literatur nicht nur die Belletristik, sondern in entscheidendem Maße auch die wissenschaftlichen Schriften zu verstehen sind“ (Schiewe 2004, S. 147).

Buchsparte Medizin

Mit Blick auf unser Thema ist es ein Manko, dass in den vorstehend – hier aber vorerst nur anhand Sekundärliteratur – referierten Quellen Medizin oder Gesundheitswesen nicht als eigenständiges Themenfeld ausgewiesen wird.

Es gibt allerdings Ausnahmen. In der Sekundärquelle Schiewe 2004 (S. 148) wird auf Jentzsch 1912 verwiesen, der die Leipziger (Buch-)Messekataloge von 1740, 1770 und 1800 differenzierter auswertete. Der Anteil von Büchern zum Sachgebiet Medizin an der gesamten auf den Messen dargebotenen Buchproduktion wuchs von 6,62 Prozent (1740) über 7,95 Prozent (1770) auf 8,135 Prozent (1800). Jentzsch unterschied insgesamt 16 Sachgebiete, die Medizin nahm jeweils den vierten Rang ein.

Für das Jahr 1800 geben wir hier die komplette Rangfolge wieder: 1. Schöne Künste und Wissenschaften (21,45 Prozent), 2. Theologie (13,55 Prozent), 3. Geschichte / Geographie (10,59 Prozent), 4. Medizin (8,135 Prozent). 5. Landwirtschaft / Gewerbe (8,06 Prozent), 6. Mathematik / Naturwissenschaft (7,12 Prozent), 7. Jurisprudenz (5,02 Prozent), 8. Erziehung und Unterricht (4,09 Prozent), 9. Populär-philosophische und ähnliche Schriften (3,97 Prozent), 10. Philosophie (3,66 Prozent), 11. Staatswissenschaft (3,62 Prozent), 12. Klassische Philologie (3,04 Prozent), 13. Populäre periodische Schriften und Schriften fürs Volk (2,567 Prozent), 14. Praktische Hausbücher (2,06 Prozent), 15. Allgemeine Gelehrsamkeit (1,44 Prozent), 16. Außerklassische Philologie (1,09 Prozent). (Schiewe 2004, S. 148)

„Medizin“ zeigt sich damit als eines der am meisten vorkommenden Themen. Zumal, wenn man berücksichtigt, dass auch unter den Sachgebieten 13 und 14 medizinische Ratgeberthemen denkbar sind.

Generell resümieren Jentzsch bzw. Schiewe im Zeitablauf:

Im 18. Jahrhundert nimmt der Anteil der traditionellen Disziplinen Theologie, Jurisprudenz und anderer gelehrter Bereiche kontinuierlich, und zwar in erheblichem Maße, ab. Der deutlichste Anstieg dagegen ist zu beobachten hauptsächlich in den sogenannten Schönen Künsten, also der Belletristik, sowie in praktischen Gebieten wie Erziehung und Unterricht, Landwirtschaft und Gewerbe, aber auch in den Naturwissenschaften und der Mathematik. Der Wandel in der Buchproduktion ist somit ein Wandel weg von der Gelehrsamkeit und hin zu belehrender Unterhaltung sowie praktischem Wissen, also zur Bildung.

(Schiewe 2004, S. 147)

Literatur und Lyrik als Werbung für Bade- bzw. Kurorte

Der von uns oben festgestellte wachsende Anteil von Medizin charakterisiert diese also als ein „modernes“ Thema mit Zukunft, Lebenswelt-Bezug bzw. praktischer Relevanz. Greifen wir ein Teilgebiet, die Balneologie (Bäderkunde) heraus. Diese konnte auf eine lange Tradition schon im Mittelalter zurückblicken und erwies sich auch im 18. und 19. Jahrhundert als „ein lohnendes Forschungs- und Praktikumsgebiet“ sowie Publikationsthema. Dies lag auch an ihrer Verknüpfung mit Wellness- und touristischen Aspekten sowie Repräsentations- und Geselligkeitsbedürfnissen der seinerzeit illustren Badegäste.

Dazu ein Beispiel, zugleich auch zur Personalunion medizinischer und literarisch-publizistischer Rollen: Als sich mit dem Aussterben des sächsisch-albertinischen Herzogtums Sachsen-Weißenfels 1746 der „Hofmedicus“ und „Weißenfelser Stadtphysicus“, der promovierte (1738 in Leipzig) Arzt Dr. med. Gottlob Carol Springsfeld nach neuen Tätigkeitsfeldern umsehen musste, wandte er sich der Balneologie zu. Zunächst begleitete er einen Grafen auf dessen Badereisen und verwertete seine Erfahrungen auch publizistisch.

Als gewandter Schriftsteller verfasste er darüber 1748 eine Abhandlung“ mit dem (ins Deutsche übersetzten) Titel „Heilkräftige Reise zu den warmen Quellen von Aachen und Sprudeln von Spa“. Schon ein Jahr früher „hatte er nun begonnen“, über die Sommerzeit im böhmischen Karlsbad (heute Karlovy Vary in Tschechien) „zu praktizieren“. 1749 gab er ein umfangreiches und informativ illustriertes Buch heraus: „Abhandlung vom Carlsbade, nebst einem Versuch einer Carlsbader Krankengeschichte“. Das Buch „erregte unter Ärzten großes Aufsehen. Zudem hatte er es geschickterweise […] der Kaiserin Maria Theresia gewidmet.“ Wahrscheinlich geschah dies auf Anraten des österreichisch-habsburgischen Leibarztes der Kaiserin Gerhard von Swieten, der „ein Gönner Springfelds [war].

(Thielitz 1998, S. 125)

Karlsbad – nach den Worten des Weißenfelser Promi-Arztes Springfeld „im Sommer die Zusammenkunft vieler Großer, auch Gelehrter dieser Welt“ – spielt in der Geschichte von Standort-PR und Städtewerbung eine wichtige Rolle. Beispielsweise kam beauftragte (Reklame-) Lyrik bzw. „Agitationspoesie“ zum Einsatz, 1810 gedichtet von keinem Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe. (Kunczik 1997, S. 184)

Der Balneologie-Boom brachte nach den alten, traditionellen Kurbädern auch neue Sparten hervor, so die Solebäder, die die Heilkraft des Salzes nutzen.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden deutschlandweit 30 Solebäder eröffnet.“ Diese Entwicklung zeigt, „wie das Versprechen von Heilung und Gesundheit Städte veränderte: ‚Ärzte zogen in die Bäder, Gastwirte , Geschäftsleute oder Glücksritter errichteten Hotels und Pensionshäuser und eröffneten Cafés und Restaurants.‘

(Baier 2025, S. 21)

Autor(en): T.L.