Informationsinteressen und Organisationszwecke
Information für die Elite
Das gewerbliche und interkommunal-obrigkeitliche Informationssystem (siehe vorheriges Kapitel) stellte aber noch keine Öffentlichkeit im umfassenden, insbesondere politischen Sinne her.
Die großen Handelsstädte waren zwar Zentren des Nachrichtenverkehrs, wurden damit aber nicht gleichzeitig zu Zentren öffentlicher Information in dem Sinne, dass sich jedermann öffentlich eine Meinung bilden und diese auch äußern konnte. Weder das kaufmännische Informationssystem noch das der städtischen und staatlichen Verwaltungen war an (echter, umfassender – T.L.) Publizität interessiert.
(Steinmetz u. a. 1987, S. 82)
Dies gilt auch für die von diesem Informations- und Nachrichtensystem hervorgebrachten Medien: Trotz zunehmender Verbreitung war die periodische Presse zunächst einmal „eine zentrale Informationsquelle“ für die Herrschenden, Begüterten und Gebildeten, vor allem für Obrigkeit und Handel. Inhaltsanalysen von „Aviso“ und „Relation“ ergaben, dass „im Vordergrund des einzelnen Beitrags […] ganz klar die informierende Funktion“ steht. Es gibt insgesamt allerdings auch einen „hohen Anteil(s) an wertenden und kommentierenden Passagen“, was aber nicht zum „Bild einer parteiergreifenden, sich einmischenden Berichterstattung“ führt. (Schröder 1995, S. 11, 167; vgl. auch Blome u. a. 2021, S. 8ff.)
Damit unterscheiden sich die ersten Zeitungen zu Beginn des 17. Jahrhunderts deutlich von den Flugschriften des späten 15. und des 16. Jahrhunderts, die wertend-deutend und kämpferisch-polemisch daherkamen. (Schröder 1995, S. 166; siehe auch weiter vorn)
Information und spezifische Interessen
Aufgrund der Herkunft vieler Zeitungsinformationen von „Korrespondenten“ an exklusiven bzw. einflussreichen Stellen ist allerdings anzunehmen, dass die Auswahl und Interpretation der Nachrichten häufig nicht frei von bestimmten Weltsichten und konkreten Interessen war. Insofern muss man sich die damaligen Zeitungsinhalte wohl als ein Konglomerat von – ausgehend von heutigen Kategorien – Journalismus und (mindestens unbewusster) PR/Öffentlichkeitsarbeit vorstellen.
Redaktion“ fand damals allerdings noch nicht statt, Aviso-Betreiber Carolus „bearbeitete die Nachrichten, die bei ihm eingingen, nicht
(Birkner 2023, S. 294).
Auch dürften – jedenfalls anfänglich – Qualitätsunterschiede zwischen den Nachrichten bestanden haben. Die „bedeutsameren Handelsbotschaften“ oder exklusiven Korrespondentenberichte, mit denen auch auf Rezipientenseite organisationelle Zwecke tangiert waren, unterschieden sich von den als Zusatzverdienst „nebenberuflich von Druckern, Post- und Kaufleuten gesammelten und notierten Nachrichten“. Letztere hatten „eher den Charakter von Kolportagegeschichten“, also von unbelegten Nachrichten, Gerüchten oder Klatsch. (Baum 1994, S. 84)
Ein prominentes Beispiel für das Zusammengehen von ernsthaften Informationsinteressen und organisationellen Zwecken – hier im Bereich des Handels – schon in ungedruckter Form sind die „Fugger-Zeitungen“. Ob sie „aufgrund der wirtschaftlichen Bedürfnisse des Unternehmens entstand“ oder ob der „Informationshunger“ der Verfasser ausschlaggebend war, scheint heute nicht mehr entscheidbar (Schröder 1995, S. 11). Bei den Fuggerzeitungen handelt es sich um eine geschriebene „Nachrichtensammlung aus den Jahren 1568-1605, die heute in der Wiener Nationalbibliothek aufbewahrt wird“ (Schröder 1995, S. 11). Sie fanden bereits 1916-1930 Interesse des frühen Leipziger Zeitungskundlers Johannes Kleinpaul, einem Schüler von Institutsbegründer Karl Bücher.
Fallbeispiel: die geschriebenen „Fuggerzeitungen“
Lange Zeit meinte man, dass in den Fuggerzeitungen „eine Dominanz wirtschaftlicher Berichterstattung“ herrsche, dass die darin „gesammelten Informationen in erster Linie der Entscheidungsfindung in kaufmännischer Hinsicht dienen sollten“ und dass sie als „firmeninterne ‚Informationsdatenbank‘ entstanden, aus der nur gelegentlich und nur an ausgewählte Personen Informationen weitergegeben wurden“. (Keller in Karmasin/Oggolder 2016, S. 28f.)
Unbestritten ist […] nach heutigem Forschungsstand, dass die Fugger-Briefe nicht zur Veröffentlichung gedacht waren, sondern der internen Information dienten und nur in ganz begrenztem Umfang weitergegeben oder veröffentlicht wurden. [… Erst – T.L.] Der Übergang zum Handel mit Nachrichten bedeutete aber einen entscheidenden Schritt in Richtung einer größeren Publizität […].
(Schröder 1995, S. 11)
Gemessen an unserer obigen These von den Zeitungsinhalten als Konglomerat von Journalismus und PR/Öffentlichkeitsarbeit wären die ursprünglichen Fuggerzeitungen also primär als „interne PR“ bzw. PR im Sinne ihrer Beobachtungs- bzw. Hörrohrfunktion zu bestimmen.
Forschungsarbeiten über die Fuggerzeitungen seit der Jahrtausendwende – hier referiert nach Keller in Karmasin/Oggolder (2016, S. 29-31) – haben allerdings neue Akzente gesetzt. So werden sie beispielsweise in Zwierlein (2006 und 2010) als „Ergebnis eines Kulturtransfers“ charakterisiert, durch den in Italien bereits verbreitete Kommunikationstechniken zur politischen Entscheidungsfindung in den deutschsprachigen Raum übertragen wurden. Dies spräche nicht grundsätzlich gegen eine „PR“-Funktion der Fuggerzeitungen, wohl aber gegen eine marketingnah aufgefasste als „Begleiterscheinung von Firmenkontakten und Handelsbeziehungen“. Bauer (2011) arbeitet u. a. „die inhaltliche Differenzierung der Informationen“ heraus, die die bisherige „Bezeichnung als ‚Kaufmannsbrief‘ und die einseitige Einordnung als ‚Wirtschaftsnachrichten‘ obsolet“ mache. Dies tendiert zu thematischer Universalität und damit zu einer „journalistischen“ Herangehensweise.
Bauers stichprobenartige Inhaltsanalyse von fünf Jahren Fuggerzeitungen erbrachte folgende Hauptergebnisse:
Gut die Hälfte aller Meldungen (51 Prozent) in den Zeitungen bezieht sich auf die Berichterstattung über Gewalt und Krieg. Weitere 25 Prozent ordnet Bauer dem Themenfeld ‚Politik‘ zu, wobei beide Bereiche natürlich oft eng verknüpft erscheinen. Mit je etwa sechs Prozent der Meldungen folgen die Themenfelder ‚Gesellschaft‘ (Meldungen zu Personen und gesellschaftlichen Ereignissen wie Festen) und ‚Wirtschaft‘. Gesetzgebung und Rechtsprechung betreffen vier Prozent der Meldungen, während die verbleibenden Themenfelder (Religion, Post und Kommunikation, Natur und Wetter, Curiosa und Sonstiges) insgesamt etwa acht Prozent der Zeitungsberichterstattung ausmachen.
(Keller in Karmasin/Oggolder 2016, S. 40)
Medizinische Themen dürften allenfalls unter den Themenfeldern „Gesellschaft“, „Natur“ und „Curiosa“ bzw. „Sonstiges“ zu vermuten sein. Gegeben hat es sie aber, wie aus in Forschungsliteratur behandelten Beispielen ersichtlich wird. So sei u.a. „ein Brief aus Wien vom 15. März 1597“ enthalten, „der von einem armen Landsknechtsweib berichtet“, welches ein missgebildetes Kind geboren habe. „Der Berichterstatter vermeldet, dass dieses Kind bald gestorben sei, vergisst aber nicht, zum Trost der Nachrichtenempfänger hinzuzufügen, dass es jedoch zuvor getauft worden sei.“ Weitere Beispiele werden vom 25. Juni 1578 (Wunderheilung durch einen Einsiedler bei Toll in Burgund) oder vom 12. Dezember 1588 (Kurpfuscher namens Caspar Hartenfels) berichtet. (Deneke 1969, S. 20-22)
Die Fuggerzeitungen zeigen sich alles in allem – durchaus erwartungsgemäß – für medizinische bzw. gesundheitliche Inhalte eher weniger relevant. Wir haben sie hier dennoch umfangreicher behandelt, weil sich an ihnen die journalistische und/oder PR-Funktionalität früher Medien gut diskutieren lässt – eine Problematik, die auch für die frühe mediale Medizinkommunikation wichtig ist.
Information und Beeinflussungspotenzial insbesondere für Politik
Auch von einer quasi natürlichen Interessenverfolgung organisationeller Zwecke oder vom bloßen Handel mit Informationen bis zur bewussten, planmäßigen und öffentlichen Einflussnahme war es nicht unbedingt ein kurzer Weg.
Den Avisenschreibern waren […] jegliche Inlandsberichterstattung und jedes Räsonnement von Staats wegen untersagt, während nur in den durch die Obrigkeit lizensierten ‚Intelligenzzeitungen‘ vorzensierte, politische Nachrichten zu finden waren
(Baum 1994, S. 84).
Zwar wurden Zeitungen „auch zunehmend selber zum Mittel der Politik“, sowohl zwischen verschiedenen „Fraktionen“ der Herrschenden, Begüterten bzw. Gebildeten – einschließlich zwischen weltlicher und geistlicher Macht – als auch der „Obrigkeit“ gegenüber den Untertanen generell. So riet beispielsweise der Wiener Kardinal Khlesl 1610, „mit Hilfe der Zeitung (‚Casseta‘) Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen“ und im konkreten Falle den Kaiser mit der gesteuerten Veröffentlichung von Gerüchten unter Druck zu setzen.
Allerdings lässt sich eine „solch ‚aktive Pressepolitik‘ – zumindest für die Frühzeit der Presseentwicklung – nur selten nachweisen; im Rahmen der politischen Propaganda waren andere Mittel […] zunächst noch wichtiger“. (Schröder 1995, S. 8) Worum sich allerdings die obrigkeitliche Herrschaft schnell kümmerte, war die „effektive Kontrolle“ der Presse und die Sicherung der Option von Einflussnahme mittels „Zensur und Privilegienwesen“. (Schröder 1995, S. 8) Zeitungshersteller brauchten schon ab 1571 an eine „staatliche Konzession“ (Steinmetz u. a. 1987, S. 48).
Funktionalität der Presse für wirtschaftliche Profitinteressen und staatliche Macht
Privilegien wurden häufig auf fünf oder zehn Jahre oder sogar auf Lebenszeit verliehen; sie konnten verlängert bzw. den Erben übertragen werden. […] Vereinzelt wurden Privilegien zu hohen Summen versteigert. Zudem war die Privilegienbeantragung, -anfechtung und -ignorierung (letzteres nur durch auswärtige Drucker) in der Frühen Neuzeit ein gegebenes Mittel der wirtschaftlichen Auseinandersetzung“ innerhalb des Pressewesens. „Mutmaßlich gingen sogar mehr Zeitungsverbote auf die Intervention der ökonomischen Konkurrenten als auf die Zensur zurück. Das dürfte zumindest für das 17. und wohl auch noch für das 18. Jahrhundert gegolten haben.
(Stöber 2025, S. 134)
Das ökonomische Gewicht des Privilegienwesens sowie der staatlich-juristische Loyalitätsdruck führten zur Selbstzensur.
„Kaspar von Stieler (1632–1707; hier 1695, S. 121), der bereits im 17. Jahrhundert die Ursprünge des deutschen Pressewesens erforschte, berichtet von teils massiven Eingriffen in die Nachrichteninhalte der Newen Zeytungen; die damaligen Postmeister, die ‚Redakteure‘ jener Epoche, hätten praktisch alles aus den eingegangenen Korrespondenzen eliminiert, was der kirchlichen und weltlichen Obrigkeit anstößig erscheinen konnte, aus einer nicht unbegründeten Furcht heraus auch vor strafrechtlichen Konsequenzen; ihnen drohte zudem permanent ein Verlust ihrer Zeitungslizenzen und damit einer wichtigen Einnahmequelle. Laut Stieler ließen sie deshalb ‚kaum den vierten Teil‘ ihrer Informationen drucken‘.“ (Jonscher 2024, S. 125)
Das alles wiederum verzögerte die Nutzung der Presse durch politische Opponenten und für die Herstellung umfassender Öffentlichkeit. „Erst mit der Regelmäßigkeit und allgemeinen Zugänglichkeit der Postdienste und Zeitungen für jedermann gegen Ende des 17. Jahrhunderts gerieten die ‚Arcana Imperii‘, die Reiche der auf geheimen Informationswegen Herrschenden, leicht ins Wanken.“ (Steinmetz u. a. 1987, S. 82)
Auch wenn Ausbreitung und Durchsetzung von Reformation sowie frühbürgerlicher Umwälzung und später politischen Revolutionen ohne Buchdruck und Publizistik undenkbar erscheinen oder die Presse häufig generell als „Fackel“ von Freiheit und Liberalität stilisiert wird, bleibt festzustellen: „Gutenbergs Erfindung stärkte […] zuerst die ‚Öffentlichkeit der Macht‘“. Was ist damit gemeint? Der Buchdruck erlaubte (…)
(…) eine bessere, geordnetere und einheitlichere Verwaltung“. „Für die Kirche bot die Drucktechnik die Möglichkeit, die Liturgie zu uniformieren, indem für die gesamte Diözese verbindliche Gebetbücher gedruckt wurden; die Länder, Staaten und Städte konnten Gesetze, Anordnungen u.a. Amtsdrucke publizieren und damit die Verwaltung vereinheitlichen. Zugleich hatte diese Uniformierung ihren Anteil daran, dass die größeren Flächenstaaten im Inneren erstarkten […]
(Stöber 2025, S. 346)
Dies gilt auch für die Vereinheitlichung und Wirkungsmacht von Verwaltung und Politik von Gesundheitsfragen.
Hier endet Teil I der Abhandlung. Lesen Sie bitte im Teil II auf einer anderen Seite weiter.