Informationsinfrastruktur der frühen periodischen Presse

Organisatorische Voraussetzungen der periodischen Presse

In der heutigen Wahrnehmung der Voraussetzungen für periodische Presse tritt die organisatorische Seite oft hinter den weiter vorn bereits behandelten druck- bzw. papiertechnischen Aspekten zurück:

Nämlich „die Existenz von funktionierenden Systemen der Nachrichtenproduktion und -übermittlung. In der Tat bestand bereits vor Entstehen der Wochenpresse eine weit verzweigte gewerbliche Nachrichtenvermittlung, an der alle wichtigen europäischen Handelszentren beteiligt waren.“ (Schröder 1995, S. 4; vgl. auch Baum 1994, S. 84)

Der wachsende Waren- und Geldverkehr zwischen den Handelsplätzen – letztlich eine Konsequenz des „frühen Finanz- und Handelskapitalismus, der sich seit dem 13. Jahrhundert von den oberitalienischen Städten aus nach West- und Nordeuropa ausbreitete“ – benötigte umfangreichere und schnellere Informationen.

Ab dem 14. Jahrhundert wurden die für die genauere Kalkulation des Warenaustausches notwendigen Korrespondenzsysteme geschaffen, die so genannten Ordinariposten. Mit den Börsengründungen des 15. und 16. Jahrhunderts stiegen die Anforderungen an ständige und schnellere Nachrichtenverbindungen.

(Steinmetz u. a. 1987, S. 82)

Dass der gewerbliche, meist briefliche Nachrichtendienst zwischen den Handelszentren funktionierte, dabei sich zusätzliche adäquate Medien schuf und „dass eine kontinuierliche Versorgung mit Nachrichten möglich war, bewiesen bereits die geschriebenen Zeitungen.“ (Schröder 1995, S. 4. Herv. T.L., vgl. auch Keller in Karmasin/Oggolder 2016, S. 31-39 sowie Stöber 2025, S. 43) Selbst das Merkmal der Periodizität ist also nicht an das technische Druckmedium gebunden, sondern kam schon als „schriftliche Übermittlung von Nachrichten in nichtgedruckter Form“ vor.

Der Zusammenhang zwischen Nachrichtenübermittlung und Handel (mit materiellen Gütern) bzw. den zentralen Handelsplätzen zeigt sich besonders in der zeitweiligen Mediengattung der „Meßrelationen“. Sie fokussierten allerdings nicht etwa auf Handels- bzw. Wirtschaftsnachrichten, sondern hatten einen universalen Inhalt mit Schwerpunkt auf politischen und militärischen Ereignissen. Wichtige Inhalte waren:

Schilderungen von Wasserfluten, Abdruck politisch-diplomatischer Dokumente, Berichte von diesem oder jenem Kriegsschauplatz, Darstellungen von Fürstenhochzeiten, von Fürstenbegräbnissen, von Krönungsfeierlichkeiten, dramatische Schilderungen von Mord und Verbrechen, schließlich aber eben auch Darstellungen von Wundergeburten, von Wunderheilungen, von Pest und Scharlatanen.“ (Deneke 1969, S. 61) Gerade „Geburt, Krankheit und Tod in den Fürstenhäusern“ waren „von eminent politischer Bedeutung

(Deneke 1969, S. 65).

Meßrelationen erschienen von 1583 (Köln) bis ins 17. Jahrhundert vor allem auch in Frankfurt am Main und Leipzig anlässlich der Frühjahrs- und Herbstmessen (sowie in historischen Messe- und Handelsplätzen wie Naumburg oder Magdeburg) und hatten einen Umfang von jeweils ca. 100 Seiten. (Schröder 1995, S. 19; vgl. auch Schiewe 2004, S. 123ff.)

Mit den Meßrelationen in ihrer Relevanz für die Gesundheitskommunikation beschäftigt sich detailreich Deneke (1969, S. 61-75).

Neben den Handelszentren entwickelten sich auch Städte mit herausgehobenem politisch-administrativen bzw. repräsentativen Status, also Freie Reichsstädte und Residenzstädte, zu Knotenpunkten periodischer Medienkommunikation (Wilke 2019, S. 12). In diesen Stadtstaaten und Hauptstädten von Flächenstaaten liefen über staatliche bzw. dynastische Kontakte und den Postverkehr Informationen aus Verwaltung, Diplomatie, Wissenschaft etc. zusammen. Nicht selten waren auch Handels- und Verwaltungsfunktionen, Wirtschaftsmacht und staatliche Selbstständigkeit bzw. Führungsfunktion in einer Stadt vereint, aber nicht zwangsläufig. Die Messestädte Nürnberg oder Frankfurt am Main beispielsweise waren Freie bzw. Reichsstädte, das zur Weltmessestadt aufsteigende Leipzig hingegen war – trotz mancher kaiserlicher Privilegien – Teil des wettinisch-sächsischen Territorialstaates.

Als sicher kann gelten, dass die Freien Reichsstädte, Residenzstädte (einschließlich Bistumssitzen) und Messe- bzw. Handelsstädte sowie ergänzt um ggf. weitere Universitätsstandorte auch Zentren der medizinischen Versorgung und damit ebenso der Gesundheitskommunikation waren (abgesehen von den auf dem Lande verstreuten vielen Klöstern und Stiften).

Informationsproduzenten

(Nebenberufliche) Korrespondenten – meist aus höheren Kreisen mit exklusiven Stellungen bzw. Kontakten wie zum Beispiel Diplomaten – oder (hauptberufliche, aber weniger exklusive) Zeitungsschreiber – oft im kollegialen Austausch mit solchen aus anderen Orten oder in Wirtshäusern – verfassten und versandten gegen Geld Nachrichten bzw. verarbeiteten sie zu „Sammelkorrespondenzen“. Diese wurden dann „auf der Basis von festen Belieferungsverträgen an Zeitungsherausgeber versandt“. (Schröder 1995, S. 4; vgl. auch Schiewe 2004, S. 122)

Ein Beispiel für die Mehrstufigkeit des Nachrichtengewinnungs- und -verbreitungsprozesses sowie ihre Verknüpfung mit dem Warenhandel bietet wiederum die Messestadt Leipzig:

Der Leipziger Zeitungsherausgeber Kormart rühmte sich im Jahre 1659, da er der Handelsschaft besser diene als sein Konkurrent Ritsch, da er sofort nach Eingang der Post bei den Handelshäusern herumlaufe, sich die wichtigsten Partikularitäten aus den eingegangenen Briefen herausschreibe und dieselben dann sofort, noch ehe sein Konkurrent den Druck bewerkstelligen könne, durch geschriebene Extrablätter zum Teil volle acht Tage verbreite.

(Bollinger 1996, S. 1)

Damit liegt zugleich ein Beispiel dafür vor, dass in der Frühzeit der öffentlichen Medienkommunikation gedruckte Medien nicht unbedingt schneller und aktueller sein mussten als geschriebene. Das war wohl auch ein Grund für das auf den ersten Blick verwunderliche Nebeneinanderbestehen „alter“ und „neuer“ Medien: „Noch nahezu anderthalb Jahrhunderte nach dem ersten Auftauchen“ periodischer gedruckter Zeitungen (1609) laufen „die Vorgänger […] als geschriebene Briefzeitungen“ der gedruckten Presse „einher“ (Deneke 1969, S. 20).

Zeitungsherausgeber

Als Herausgeber traten zunächst vor allem „Buchdrucker, -händler und -verleger“ auf, die im Zeitungsgeschäft eine wirtschaftliche Möglichkeit sahen, sich von der punktuellen Buchproduktion unabhängiger zu machen und zu einer „kontinuierlichen und im Voraus berechenbaren Auslastung ihres Betriebes“ zu kommen. “ (Noelle-Neumann u. a. 1989, S. 219)

Erst in zweiter Linie bzw. später übernahmen „Postmeister“ die Funktion als Zeitungsherausgeber. Die ersten solcher Postzeitungen entstanden in Frankfurt am Main, Köln und (nach 1639) Erfurt. Die thüringische Stadt, eine Handels- und Kulturmetropole mit Universität, lag an einer zentralen europäischen West-Ost-Handels-, Pilger-, Heer- und Poststraße, die auch als Via Regia bzw. Frankfurt-Leipziger Straße und heute als europäisches Kulturroutenprojekt bekannt ist (das auch vom Autor dieser Abhandlung gefördert wird). Der damalige Erfurter Postmeister Georg Friedrich Breitenbach nutzte seine „amtliche Stellung“, um quasi im Nebenerwerb „aus dem Briefverkehr allgemein interessierende Nachrichten abzuzweigen und vervielfältigen zu lassen. […] Breitenbach hatte das auch schon mit geschriebenen Zeitungen getan.“ (Wilke 2019, S. 13) Dass der postalische Dienstherr dies tolerierte, ist nur eine der Erstaunlichkeiten solcher Medienprodukte.

Die Entstehung der „Postzeitungen“ hängt auch mit der wachsenden Rolle der Post für den allgemeinen Nachrichtenverkehr zusammen.

[U]m 1500, mit der Machtausweitung der habsburgischen Monarchie, entstand wieder ein in höherem Grade organisiertes Nachrichtensystem. Im „Auftrag der Habsburger“ entstand als privatwirtschaftliches Dienstleistungsunternehmen die Taxissche Post, ab 1519 als „Familienbetrieb Thurn und Taxis“ mit „staatlichen Privilegien, dem sogenannten Postregal.

(Noelle-Neumann u. a. 1989, S. 219)

Wichtige Ereignisse waren die Ernennung Leopolds I. von Taxis als kaiserlicher Reichspostmeister 1595 und das Reichspostregal von 1597 (vgl. dazu auch Stöber 2025, S. 23).

Diese Post ergänzte und ersetzte zunehmend die privaten (oder kommunalen) Botendienste, die bereits im 14. und 15. Jahrhundert sowie bis zum 17. Jahrhundert „mit so genannten Ordinari-Boten“ feste und regelmäßige Linien betrieben. (Schröder 1995, S. 4f.)

Informationsabnehmer

Das vorstehend beschriebene Nachrichten- und Zeitungsgeschäft konnte selbstverständlich nur funktionieren, wenn es zahlende Abnehmer gibt. Waren Höfe und Behörden teilweise auch verpflichtend zu beliefern, so waren dennoch Fürsten, Räte, Juristen und Beamte – wie auch Klöster, Stifte und Magistrate – wichtige und interessierte Käufer. „Auf dem Land sollen Adel, Pastoren, Gutsverwalter, Schultheißen und Dorfvorsteher zu den Abonnenten der Wochenpresse gehört haben, in den Städten ist der Kreis der potenziellen Käufer noch weiter zu fassen. Gelehrte, Buchhändler, Studenten und Kaufleute sind als Käufer nachgewiesen.“ Verbreitet waren – auch in höheren Schichten – der Gemeinschaftsbezug und private Lesezirkel. (Schröder 1995, S. 6) Das Folgende gilt vermutlich noch nicht für die Anfangszeit der periodischen Presse: „Nach den Berechnungen Welkes konnten nicht nur Patrizier und begüterte Bürger, sondern auch Handwerksgesellen, ja sogar Tagelöhner und Personen aus dem Hausgesinde sich zumindest die billigeren Zeitungen leisten.“ (Schröder 1995, S. 6)

Auch Ärzte waren wichtiger Teil des Publikums, wie man zum Beispiel aus dem Wien spätestens des 18. Jahrhunderts für das Wien(n)er Diarium (bzw. die Wiener Zeitung) weiß:

Das infrage kommende Lesepublikum Wiens setzte sich v. a. aus den oberen Gesellschaftsschichten zusammen, wobei neben dem Adel das wohlsituierte Bürgertum verstärkt an Bedeutung gewann. Beamte, Ärzte, Professoren, Lehrer, Juristen, aber auch Vertreter des Handels (sowie wohl ebenso deren Frauen) bildeten das Zielpublikum des Diariums. Inwieweit die unteren Gesellschaftsschichten ebenfalls Zugang zum Blatt hatten, ist nicht bekannt, muss aber als eher eingeschränkt angenommen werden. Sofern Einkommensschwache hinreichend lesen konnten, mangelte es ihnen an Geld und Zeit. Trotzdem gab es Wege, wie auch weniger privilegierte Bevölkerungsteile zur Lektüre kommen konnten, man denke nur an Dienstpersonal, das die von der Herrschaft abonnierten Blätter mitlas. In Kaffeehäusern lag das Diarium ebenfalls auf, das zu einer Schale Kaffee gratis zur Verfügung stand.

(Reisner/Schiemer in Karmasin/Oggolder 2016, S. 105)

Die so genannten – noch nicht-periodischen und in der Regel auf ein Ereignis fixierten – „Neuen Zeitungen“, die bis ins 17. Jahrhundert erschienen, wurden im Straßenverkauf vertrieben und können auch in dieser Hinsicht als frühe Form heutiger Boulevardzeitungen aufgefasst werden. Typische Gegenstände waren „Verbrechen, Sensationen oder Wunder“. (Schröder 1995, S. 18f.)

Autor(en): T.L.