Anfänge der periodischen Presse: erste Zeitungen im 17. Jahrhundert
Die ersten gedruckten periodischen Zeitungen
Kommen wir nun zur periodischen Presse.
„Aviso“ (Wolfenbüttel) und „Relation“ (Straßburg) von 1609 sind die bisher frühesten bekannten deutschen periodischen Presseorgane (gedruckte Wochenzeitungen). (Schröder 1995, S. 26)
Die Geschichte des „Aviso“ und damit der periodischen Presse begann aber schon 1605, obwohl davon keine Exemplare überliefert sind. Der Nachrichtenhändler bzw. „Novellant“ (siehe im Folgenden: organisatorische Voraussetzungen) Johann Carolus hatte 1604 eine Druckerei (vgl. weiter vorn: technische Voraussetzungen) erworben und verband „schließlich 1605 beide Gewerbe“. Diese Kombination, (…)
(…) also die Reproduktion der handschriftlichen wöchentlichen Nachrichtenbriefe mittels der Druckerpresse, bringt die revolutionäre Neuerung der modernen Zeitung hervor.
(Weber 1992, S. 262; zitiert nach Birkner 2023, S. 294)
Oder, wie Stöber (2025, S. 74) schreibt: „Johann Carolus aus Straßburg war der erste, von dem bislang bekannt ist, dass er auf die Idee kam, die handschriftlichen ‚Zeitungen‘ zu sammeln und durch Druck vervielfältigt in wöchentlichem Abstand zu veröffentlichen.“
Für das Gebiet der Habsburger werden die „ersten Anfänge[n] der periodischen Presse“ auf 1621ff. datiert (Reisner/Schiemer in Karmasin/Oggolder 2016, S. 87, 92). Die „erste[n], schon 1621 entstandene[n] Gazette Wiens“ war die „Ordinari-Zeitung“. Deren Rechte sicherte sich später Johann Baptist Schönwetter, der ab 1703 das zweimal pro Woche erscheinende Wien(n)er Diarium (1780 in Wiener Zeitung umbenannt) herausgab. Die ehemalige Ordinari-Zeittung und das Diarium waren „beide übrigens auch inhaltlich ähnlich gestaltet […] (so gesehen reichen die Wurzeln der bis heute bestehenden Wiener Zeitung bis ins Jahr 1621 zurück)“. Die Wiener Zeitung war seinerzeit durchaus nicht die einzige Zeitung aus Wien (v.a. Mercurius). (Reisner/Schiemer in Karmasin/Oggolder 2016, S. 92, 98)
„Ab 1650 erschienen die ersten Tageszeitungen, zunächst in Leipzig“ – einem führenden Handels- und Messeplatz – unter dem Titel „Einkommende Zeitungen“, später auch an anderen Orten (Steinmetz u. a. 1987, S. 48, 50).
Die Zahl der Wochen- und später Tageszeitungen stieg bald an. Im 17. Jahrhundert insgesamt lässt sich das Zeitungsangebot in Deutschland mit 200 umreißen, im 18. Jahrhundert mit 454 Titeln beziffern. Verglichen mit späteren Pressehochzeiten ist das aber noch überschaubar, denn im Jahr 1914 sind es 3716 Titel und der Höchstwert wird im Jahr 1932 mit 4275 Titeln erreicht. (Pankratz 2004, S. 22ff.)
Frühe periodische Presse und Medizin- bzw. naturwissenschaftliche Themen
Wissenschaftsberichterstattung gibt es seit dem Aufkommen der periodischen Presse. Vor allem medizinische und naturwissenschaftliche Themen finden sich bereits in den frühesten Zeitungen.
(Raabe in Bentele/Brosius/Jarren, S. 374 f.)
Viele Beispiele für Gesundheitsinformationen aus den Zeitungen des 17. und 18. Jahrhunderts bringt Deneke (1969, S. 81ff.). Auch in Bäder/Cattoni (1993; S. 104-106) sind solche, meist von Nichtmedizinern verfassten Beispiele zu finden: so aus den Jahren 1680, 1686 und 1720/21.
Allerdings: Zentraler Inhalt in der allgemeinen Presse sind Gesundheitsinformationen nach vorliegenden quantitativen Inhaltsanalysen nicht, was aber aufgrund der prinzipiellen thematischen Offenheit der Presse und zugleich ihrer traditionell politischen Fokussierung auch nicht verwundern kann. So auch Deneke (1969, S. 140): „Die Straßburger Relation und der ‚Aviso‘ von 1609 enthalten nur ganz vereinzelt medizinisch interessante Nachrichten.“ Eine Durchsicht der Faksimiledokumentation (Aviso-Nachdruck) – herausgegeben von Schöne (1939) in Vorbereitung der für 1940 geplanten Gutenberg-Reichsaustellung in Leipzig – bestätigt diesen Befund.
Es (…)
(…) lassen sich deutliche inhaltliche Parallelen zwischen geschriebenen und den ersten gedruckten Zeitungen konstatieren, für die Thomas Schröder schon vor längerem eine Inhaltsanalyse vorgelegt hat (Schröder 1995, S. 114-132): Themen aus den Bereichen Politik und Militär dominieren die Berichterstattung. Auch in der Straßburger Relation und im Wolfenbütteler Aviso von 1609 betreffen etwa 70 Prozent der Berichterstattung diese Bereiche. Ganz ähnlich sind in beiden Medienformen etwa auch das weitgehende Fehlen von Sensationsmeldungen oder ausführlich referierender Berichterstattung im Stil der ‚Neuen Zeitungen‘ und der geringe Stellenwert von Meldungen zu wirtschaftlichen Fragen.
(Keller in Karmasin/Oggolder 2016, S. 41)
Inhaltsanalysen früher Medien weisen nicht zwangsläufig Medizin bzw. Gesundheit als spezifische Themenfelder aus. Sachlich-logisch am nächsten kommt meist „Naturwissenschaft“ bzw. „Natur“. Diese Feststellung wird zum Beispiel durch das obige Zitat von Raabe und durch die Verkopplung medizinischer und naturwissenschaftlicher Themenfelder in den frühen Gelehrtenzeitschriften (siehe weiter hinten) gestützt.
Für die Korrespondentenberichte im Aviso 1609 ermittelte Ries (1987, hier referiert nach Schiewe 2004, S. 129) 1,5 Prozent naturwissenschaftliche Themen, aus Rom interessanterweise 5,1 Prozent und aus Wien 0,3 Prozent. Möglicherweise können medizinische Inhalte auch unter den erhobenen Themenfeldern „Alltag“ (0,6 Prozent) oder „Hof“ (2,8 Prozent) erfasst worden sein.
In einer Analyse des Hamburger Nordischen Mercurius 1668 ordnete Blühm (1977, hier referiert nach Schiewe 2004, S. 129) 12,6 Prozent der Meldungen dem Themenfeld „Natur“ zu. Medizinische Inhalte sind auch unter den erhobenen Themenfeldern „Sonstiges, Curiosa“ (0,4 Prozent) und vor allem „Gesellschaftliches Leben“ (11,2 Prozent) zu vermuten. Darauf wird in der Quelle explizit verwiesen: „Es verwundert nicht, dass die Hofnachrichten quantitativ eine besondere Rolle spielen: Feste und Feiern, Geburtstage, […] Krankheiten (! – T.L.), Begräbnisse […]“ (Blühm 1977, zitiert in Schiewe 2004, S. 130).