Forschungsstand und kritische Anmerkungen

Abb.: Albert Oeckl auf einer Gastvorlesung im Hörsaal 12 der Leipziger Universität im Sommersemester 1994. Foto: Detlef Endruhn

Um die Jahrtausendwende erschienen mehrere sein Lebenswerk würdigende Aufsätze über Oeckl, zunächst anlässlich seines neunzigsten Geburtstages am 27. Dezember 1999, dann als Nachrufe auf seinen Tod am 23. April 2001. Günter Bentele, PR-Professor in Leipzig, bezeichnete ihn als „den nach wie vor bekanntesten deutschen Vertreter der PR-Branche“. Oeckl sei neben Carl Hundhausen der „anerkannteste PR-Nestor“ (Bentele 2000). „Wie kein anderer hat Albert Oeckl ein halbes Jahrhundert lang die deutsche Berufs- und Standesgeschichte geprägt und an der Entwicklung der europäischen PR-Arbeit maßgeblich mitgewirkt“, meinte Peter Szyszka (2001). Die Demoskopin Noelle-Neumann (2001) charakterisierte Oeckl als „echten Pionier“, der das „ganz neue Feld der Öffentlichkeitsarbeit“ gezimmert und als Lehrfach etabliert habe. „Er entwickelte, was man heute leicht ‚Philosophie‘ nennt. Der Kern bestand in dem insistierend bei jeder Gelegenheit verdeutlichten Unterschied zwischen Werbung und Öffentlichkeitsarbeit.“1

2005 legte Christian Mattke an der Universität Leipzig eine faktenreiche Dissertation mit biographischem Schwerpunkt über Albert Oeckl vor. „Zwischen Leben und Werk besteht insbesondere im Falle Oeckls eine außergewöhnlich enge Verknüpfung, in deren praktischer Entsprechung sich die Grenzen zwischen der Privatperson und dem Öffentlichkeitsarbeiter Albert Oeckl deutlich zugunsten der Profession verlagerten.“ (Mattke 2006, S. 309) Mattkes „Doktorvater“ Günter Bentele kannte Oeckl persönlich. Nach Bentele sei Albert Oeckl Gründungsvater und symbolische Figur der PR-Branche. Seine Artikel und Bücher dienten heute als wichtige historische Quellen. Oeckl habe zwar keine wissenschaftliche Theorie, aber eine Art praktischen PR-Leitfaden entwickelt, der sich auf seiner langjährigen beruflichen Erfahrung begründet.

Ähnlich intensiv wie Mattke hat sich Peer Heinelt mit Oeckl beschäftigt. Er kritisiert vor allem Oeckls berufliche Tätigkeit vor 1945 und damit eine behauptete Kontinuität zwischen der Kommunikationsarbeit unter der NS-Diktatur und in der demokratischen Bundesrepublik. Im Dritten Reich erwarb Oeckl wichtige praktische, organisatorische und konzeptionelle Kenntnisse während seiner Arbeit im Propagandaministerium, bei der Vereinigung Carl Schurz (VCS)2 und in der IG Farben. Heinelt bemängelt beispielsweise, dass Oeckl während geheimer militärischer Auslandseinsätze als Verbindungsmann zwischen dem Amt für Ausland/Abwehr und dem IG-Farben-Geschäftsführer Max Ilgner fungierte.3 Außerdem sollen ihm seine Kontakte aus der NS-Zeit den beruflichen Neubeginn nach dem Krieg ermöglicht haben. Bentele argumentiert dagegen, dass Oeckl nie einen nationalsozialistischen Grad und auch keine Weisungsbefugnisse besaß.

Mattke sieht zwar bei Oeckl vor und nach 1945 auch persönlich-biografische und professionell-handwerkliche Kontinuitäten, wertet diese aber differenzierter und zieht andere Schlüsse als Heinelt. Trotz der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen im NS-Staat habe Oeckl „ausgerechnet mit dem Berufseinstieg im späteren Kriegsverbrecherkonzern I.G. Farben Bedingungen“ vorgefunden, „unter denen er die Grundbegriffe der PR erlernen konnte“. „Es gab demnach trotz der nationalsozialistischen Einflüsse unter bestimmten Bedingungen ‚Nischen‘, in denen auch auf kommunikativem Gebiet mehr fachlich als politisch agiert werden konnte.“ (Mattke 2006, S. 309)

Im als Standardwerk etablierten „Handbuch Public Relations“ nimmt Oeckl gebührenden Platz im Kapitel über „Praktikertheorien“ ein (Bentele/Fröhlich/Szyszka 2008, S. 118-120).4 Kunczik in seinem Theorie-Überblicksbuch zur PR (1. Auflage von 1993) beginnt sein Kapitel „Anfänge der PR-Theorie in Deutschland“ mit Albert Oeckl (S. 108-116) und charakterisiert ihn dort als den bis dahin meistzitierten deutschen PR-Autor (S. 108).

Autor(en): G.B.K.R.T.L.

Anmerkungen
Albert Oeckl und Frau vor Wohnheim

Abb.: Albert Oeckl im hohen Alter mit seiner Frau. Quelle: privat.

1 Bentele, Günter (2000): Prof. Dr. Albert Oeckl 90 Jahre. Vorabveröffentlichung aus PR Forum 6. Jg. (2000), Nr. 1. In: http://www.prforum.de/prfor/arch/ar1-00_2.htm (Abruf von 2002, der Beitrag ist heute nicht mehr abrufbar). Noelle-Neumann, Elisabeth (2001): Tue Gutes und rede darüber. Als in der deutschen Kultur Reklame noch als verächtlich galt, erfand Albert Oeckl das neue Feld der Öffentlichkeitsarbeit. In: Die Welt, 28. April 2001. Szyszka, Peter (2001): Nachruf. Ein Leben für die „Öffentlichkeitsarbeit“. Prof. Dr. Albert Oeckl starb… In: http://www.pr-guide.de/beitraege/p010501.htm (Abruf von 2002, der Beitrag ist heute nicht mehr abrufbar).

2 Die VCS wurde 1926 als deutsch-amerikanische Freundschaftsgesellschaft gegründet, entwickelte sich jedoch als Instrument des Auswärtigen Amtes zu einem Teil des nationalsozialistischen Propagandaapparates, dessen Aufgabe es war, den US-Bürgern ein positives Bild vom Dritten Reich zu vermitteln. (K.R.) Zur Carl-Schurz-Vereinigung siehe auch bei Mattke (S. 32, 34, 48f., 100). Benannt ist sie nach einem deutschen Liberalen aus der Revolution von 1848, der in die USA auswanderte, dort den Wahlkampf von Lincoln unterstütze und es selbst zum Senator sowie Innenminister brachte. Weiterführende Hinweise auch unter: Brantz, Rennie W.: German-American Friendship. The Carl Schurz Vereinigung, 1926-1942. In: The International History Review, XI, 2, Mai 1989, S. 205-408. Wilhelm, Cornelia: Bewegung oder Verein? Nationalsozialistische Volkstumspolitik in den USA. Stuttgart: Franz Steiner, 1998.  (T.L.)

3 Heinelt (2003, S. 99) charakterisiert Oeckls Arbeit teilweise explizit als „Geheimdiensttätigkeit“. Und: „Dass Oeckl (…) nicht nur Kenntnis von der Raub-, sondern auch von der Ausbeutungs- und Vernichtungspolitik des IG-Konzerns hatte, lässt sich zwar vermuten, aber nicht beweisen.“

4 Im Aufsatz von Michael Kunczik und Peter Szyszka, S. 110ff. Oeckls Unterscheidung von Öffentlichkeitsarbeit und Werbung wird im Aufsatz von Romy Fröhlich (S. 103) aufgegriffen, ohne allerdings explizit auf Oeckl einzugehen.