Instrumente: Pressearbeit

Aktive Pressearbeit unter Berücksichtigung journalistischer Transformationsbedürfnisse

Anders als bis dato vor allem üblich, verfolgte das Nachrichtenbüro keine reaktive, sondern eine aktive Pressearbeit. Allerdings stellte dies auch einen gewissen Lernprozess dar.

Abb.: Siegelmarke des Reichsmarineamtes. Erstellt: zwischen 1850 und 1923. Quelle: http://www.veikkos-archiv.com/index.php?title=Datei:W0213318.jpg / Wikimedia Commons, gemeinfrei.

In der Anfangszeit setzte das Nachrichtenbüro auf persönliche Kontakte mit wichtigen Pressevertretern und das Versenden fertiger Texte an ausgewählte Redaktionen. Die Erfahrungen der ersten Jahre ergaben aber, dass diese Form der Kommunikation von den Redaktionen als Versuch der Einflussnahme verstanden wurde, sodass sie die Texte nicht gerne abdruckten. Heeringen befahl daher, die kleineren Presseorgane stärker zu berücksichtigen. Fortan legte das Nachrichtenbüro großen Wert darauf, alle Anfragen gleichberechtigt zu behandeln und allen Journalisten einen möglichst ungehinderten Informationszugang zu verschaffen. Die kleineren Publikationen erwiesen sich aufgrund ihrer Dankbarkeit als sehr kooperativ und druckten Texte eher ab. In den späteren Jahren wurden dann so genannte „Merkblätter“ herausgegeben, in denen das Reichsmarineamt seinen Standpunkt zu tagesaktuellen Fragen darlegte.1

Als erfolgreich wurde die Pressearbeit dann bewertet – so ein Nachfolger von Heeringen –, wenn es gelang,

im Verlauf einer gewissen Periode einen oder mehrere gute Gedanken so zu lancieren, dass die Autoren schließlich glauben, sie seien die Erfinder dieser Gedanken und ferner, dass die öffentliche Meinung diese Gedanken als eine selbstverständliche Wahrheit aufnimmt

(Hollweg 1912, zit. nach Deist 1976, S. 133; im Original gemäß damaliger Rechtschreibung „daß“; vgl. auch von Bredow 1978, S. 703).

Kontinuierliche Pressearbeit für ein breites Medienspektrum

Es wurde aktiv Kontakt zu Journalisten gesucht und die Beziehungen zu diesen auch in weniger intensiven Phasen stets gepflegt. Das Nachrichtenbüro verstand es, sich über eine Zentralisierung von Marinenachrichten als unerlässlicher Partner für die Journalisten zu positionieren.

Die guten Beziehungen zur Presse erheischen nicht nur aus politischen Gründen sorgsame Pflege. Sie werden auch insofern gute Früchte tragen, als die dauernde Speisung bedeutenderer Zeitungen mit Nachrichten und die bereitwillige Erteilung von Auskunft dem Interesse und dem Verständnis der breiten Masse des Volkes für die Marine zugute kommen werden

(Falkenhayn, zit. nach Götter 2011, S. 19).

Ebenfalls neu zur damaligen Zeit war die Praxis des Nachrichtenbüros, bei der aktiven Informationsvermittlung nicht mehr auf eine Selektion von Journalisten zu bauen. Die Praxis früherer oder anderer Akteure, ausschließlich mit bestimmten, großen und/oder wohlgesonnenen Zeitungen und Zeitschriften zu kooperieren, wurde weitgehend – für die bürgerliche Presse – abgeschafft.2 Stattdessen wurden – allerdings meist mit Ausnahme der sozialdemokratischen Presse – alle Journalisten berücksichtigt.

Auslandspresse und Evaluation der Pressearbeit

Die Pressearbeit bezog sich dabei nicht lediglich auf das Deutsche Reich, sondern ebenfalls auf die englische Medienlandschaft. Mit inhaltlich selektierter Informationen sollte einerseits die britische Öffentlichkeit beschwichtigt, die deutsche andererseits über englandkritische Berichterstattung und Propaganda mobilisiert werden. Diese ambivalente Strategie sollte jedoch nicht aufgehen und mündete in großer Kritik.

Um die öffentliche Meinung so gut wie möglich steuern zu können, wurde zudem versucht unerwünschte Publikationen zu verhindern. Auch die Beobachtung der veröffentlichten Meinung spielte eine große Rolle – hierfür wurde eigens ein Zeitungslesedienst errichtet, der Tirpitz und den Kaiser mit diversen Unterlagen über die Debatte informierte.3 Aufgrund der Menge des Materials ging diese Aufgabe bald an einen Dienstleister. Ab 1905 wurde aufgrund der Verschlechterung der außenpolitischen Beziehungen zu Großbritannien auch die englische Presse gründlich beobachtet.4

Autor(en): R.-M.U.C.K.L.M.M.O.

Anmerkungen

1 Vgl. Bollenbach 2009, S. 81ff.

2 Es ging vor allem um Integration der verschiedenen bürgerlichen Gruppierungen. In den Worten von Fürst Hatzfeld: „Unpolitisch heißt vor allem, dass die Agitation sich gegen keine der bürgerlichen Parteien richten darf.“ (Deist 1976, S. 233, zit. nach von Bredow 1978, S. 703).

3 Vgl. Stöber 2000, Geppert 2007 und Bollenbach 2000. Auch Kunczik 1997, S. 116. Der Zeitungslesedienst analysierte 1900 bereits 63 publizistische Organe und erstellte täglich zehn Vorlagen für Tirpitz und 20 Vorlagen pro Woche für den Kaiser (vgl. Stöber 2000, S. 151).

4 Vgl. Bollenbach 2009, S. 84.